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Medien Netz &

Wie die Jugend Snapchat benutzt

Snapchat ist ja so unfassbar jung. Und das merken schmerzlich auch all diejenigen, die bislang jung geblieben und hip als Social Media Gurus gefragt waren und nun damit kokettieren, dass sie Snapchat einfach nicht verstehen oder wie schrecklich doch die UI der App sei. Jetzt begreifen sie aber gerade, dass das mit dem Kokettieren nicht ewig funktioniert. Immerhin gibt es inzwischen 100 Millionen tägliche Snapchat Nutzer. Plötzlich wollen Unternehmen beraten, Kampagnen kreiert und verkauft werden. Also laden sich alle panisch White Paper herunter und kaufen Barcamp-Tickets, um sich die App dann doch mal erklären zu lassen.

Mein Erweckungsmoment als Snapchat Nutzer

Ich hatte meinen eigenen schmerzhaften Erweckungsmoment, als ich letztes Jahr mit Georg (17) auf dem HipHop Open in Stuttgart war. Ich experimentierte mit Snapchat, er benutzte es selbstverständlich. Abends dann der Schreck: Ich, als hipper
jung gebliebener Social Media Guru, hatte gerade einmal 10 Abrufe auf meiner Snapchat Story. Georg (17), kein Social Media Guru, sondern einfach Schüler, hatte locker das 8-fache an Abrufen. Deswegen habe ich mich jetzt mit dem Snapchat Nutzer Georg (17) zusammengesetzt, um mir doch mal erklären zu lassen, wie er die App benutzt.

Snapchat Nutzer auf der HipHop Open

Die Hälfte der Klasse nutzt Snapchat

Interessant ist, dass die wichtigste App wohl WhatsApp ist und bleibt. Für Absprachen, Kommunikation und Austausch in der Gruppe. Snapchat dagegen ist für die Momentkommunikation. WhatsApp haben alle, Snapchat-Nutzer ist ungefähr die Hälfte der Klasse. Welches High Protein Food ist gerade auf dem Teller? Kurz gesnappt und weiter. Der große Vorteil im Gegensatz zum Food Porn bei Instagram: Das Essen muss nicht Hochglanz aussehen. Hier muss keine Extrabeleuchtung her, kein Filter drüber gelegt und keine Farbtöne justiert werden. Mit etwas Glück ist das Essen also sogar noch warm. Denn auch der Snap ist ja nach wenigen Sekunden verschwunden. Snapchat ist also, im wahrsten Sinne des Wortes, ungefiltert.

Ein Snapchat Nutzer mit Selfie-FilterSelfie-Filter sind uncool

Während es zum traurigen Tageshighlight jedes Social Media Redakteurs gehört, die täglich aktuellen Selfie-Filter (offiziell Linsen) auszuprobieren, ist es mit 17 eher uncool den Mitschülern und Freunden sich selbst mit albernen Grimassen zu schicken. Dann lieber ein Schwarzweiß-Selfie.

Ein Snapchat Nutzer als cooles Schwarweiß-Selfie

Snapchat ist Kommunikation, nicht Konsum

Die Discover-Funktion benutzt Georg (17) gar nicht. Die Medienangebote interessieren ihn dort nicht und deutsche Medien wünscht er sich dort mittelfristig nicht. Snapchat dient zur Kommunikation. Höchstens bei einem Sportereignis wird mal in die “ultralangen” Live-Stories von 300 Sekunden reingeschaut.

Snapchat CNN

Das Alles verschwindet ist schon okay

Da Snapchat für die Alltagskommunikation gilt, ist es schon okay, dass alles wieder verschwindet. Da wird schnell mit einem Bild geantwortet oder ein, zwei Worten im Chat. Für verlässliche Absprachen gibt es ja wie gesagt WhatsApp. Wen interessiert das Essen, nachdem es gegessen ist? Und wer weiß, ob das Schwarzweiß-Selfie in ein paar Jahren noch cool ist?

Die Rache des Social Media Gurus

Inzwischen habe ich als hipper, jung gebliebener Social Media Guru meine Snapchat-Experimente natürlich weiter professionalisiert. Nicht einfach Alltagskommunikation. Formatierung und Strategie. Kampagne für Konsum. Mein Snapchat-Kanal wird inzwischen von Mediendiensten für andere Social Media Gurus empfohlen und meine Story bekommen locker hunderte Abrufe.

Leider belohnt Snapchat mit seinen Snappoints vor allem Austausch. Georg hat 10.000 Snappoints, ich gerade mal 989.

Snapchat Nutzer Name: netzfeuilleton
Adde mich auf Snapchat
  • Mir ist schon klar, dass wir es hier mit einem Sample von 1 zu tun haben.
  • Sorry, für das verrauschte Bild und den rauschenden Ton.
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Netz &

Twitter integriert Periscope Livestreams direkt in Tweets

Livestreams direkt in Tweets? Die letzte Neuerung ist erst ein paar Tage alt, da kommt schon das nächste Feature für Twitter: Die hauseigenen Periscope Streams sollen direkt in Tweets integriert werden. Das heißt Livestreams werden direkt in die zugehörigen Tweets eingebettet und sind dort sichtbar.

Twitter bettet Periscope Livestreams ein

Twitter integriert Periscope Livestreams

Periscope Livestreams bekommen Autoplay, Retweet und Reply

Zusätzlich bekommen die Streams Autoplay, das bedeutet Livestreams die Nutzer über die Periscope App starten spielen automatisch, ohne Ton in Tweets an. Außerdem kann mit diesen Tweets dann natürlich genau so interagiert werden, wie mit Tweets: Sie können geherzt, retweetet und beantwortet werden.  Letztere Änderung ist interessant, da die Periscope-Kommentare bislang auf maximal 100 gleichzeitige Nutzer begrenzt waren. Hier könnten einfache Twitter-Replies jetzt ein Ausweg sein. Für die fliegenden Herzen in allen Farben und das direkte Kommentieren im Stream braucht es aber weiterhin die Periscope App.

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Auch die Retweets könnten natürlich für eine wesentlich schnellere Verbreitung der Streams sorgen und dazu beitragen, dass Periscope Streams ein größeres Publikum erreichen. Auch die  Downloads der Periscope-App insgesamt könnte es beflügeln, die in meiner Wahrnehmung in letzter Zeit im Wachstum eher stagniert.

Twitters Antwort auf Facebook Livestreams

Natürlich ist das ganze auch als Antwort auf Facebook zu verstehen, die mit Facebook Mentions und der immer weiteren Öffnung von Livestreams Twitter im Echtzeitvideo-Trend recht schnell eingeholt haben. Zusätzlich ist es natürlich eine Erweiterung des Formats “Tweet”. Und das in einer Zeit, in der die Aufhebung des 140 Zeichen Limits auf Twitter quasi als bestätigt gilt. Auch das Limit, das Periscope Streams nur bis 24 Stunden nach ihrer Ausstrahlung abrufbar sind könnte damit bald der Vergangenheit angehören.

Twitter wird zur Multimedia Plattform

Twitter setzt seinen Weg zur Multimedia-Plattform fort. Was eins mit 140 Zeichen Text anfing, kann nun alle möglichen Medien enthalten. Während man also alte Medien umwirbt, versucht man durchaus auch eine eigene Distributionsplattform für Medieninhalte zu werden.

Folgt uns auf Twitter: @netzfeuilleton

 

Update: Ich habe das mit den Periscope Livestreams dann direkt mal ausprobiert. Zuschauer melden mir, dass es funktioniert hat und ich konnte den Stream auch auf dem iPad sehen. Bislang ist das Embedded Feature allerdings nur für iOS verfügbar, Web und Android Version sollen folgen.

 

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Netz & Youtube News & TV 2.0

Neues Feature: Twitter führt TV Timeline in Deutschland ein

Twitter führt ein neues Feature in Deutschland ein: Die sogenannten Twitter TV Timelines. Zur Premiere der neuen zdfneo Talksendung „Schulz & Böhmermann“ mit Jan Böhmermann und Olli Schulz hat Twitter das TV Timeline Feature auch in Deutschland freigeschaltet.

Link zur Twitter TV Timeline

Twitter TV Timeline sammelt die besten Tweets zu Fernsehsendungen

Dabei sammelt Twitter zentral auf einer Seite die „besten Tweets“ zum Hashtag der Sendung. Zusätzlich gibt es einen Tab mit dem Überblick über den Cast und deren Tweets uir Sendung, sowie eine Medienübersicht – also Videos, Fotos, etc., die zu der Sendung getwittert wurden.  Außerdem erscheint unter jedem Tweet in der normalen Timeline mit dem Hashtag #sundb ein Link zu „Beste Tweets über Schulz und Böhmermann“. Bislang kann ich all das allerdings nur in der iPhone-App finden.

TV Timeline von Twitter
Interessanterweise hat man sich am Sonntagabend nicht das Twitterphänomen #Tatort ausgesucht, um das neue TV Timeline Feature zu enthüllen, sondern die Premiere einer Nischenfernsehen-Talkshow. Vielleicht hängt das aber auch damit zusammen, dass die Sendung bereits ab 20.15 Uhr in der ZDF Mediathek zu sehen ist, aber erst um 22.45 Uhr im linearen Fernsehen läuft. Genug Zeit also, um Inhalte zu sammeln und die „besten Tweets“ zu küren.

Twitter Moments bis heute nicht in Deutschland verfügbar

Damit erinnert die Twitter TV Timeline auch an das im Oktober letzten Jahres in den USA eingeführte Feature der Twitter Moments. Diese kommen zwar in der Präsentation noch multimedialer daher, haben aber ebenfalls den Anspruch, relevante Tweets und Inhalte rund um ein Thema oder einen # zu sammeln. Allerdings ist Moments in Deutschland bis heute nicht wirklich verfügbar. Links zu einzelnen Momenten (Wie der Bart Weltmeisterschaft) lassen sich zwar auch von Deutschland aus klicken, das eigene Tab fehlt in Deutschland aber bislang.

Twitter buhlt um das Fernsehen

Bereits Anfang letzten Jahres experimentierte Twitter mit dem TV Timeline Feature in den USA. Damals wurde es als großes „Second Screen“ Angebot von Twitter angekündigt, dabei ist es vor allem eine weitere Funktion mit der Twitter Fernsehsender umwirbt. Das alte TV scheint für Twitter bis heute der größte Hoffnungsschimmer. Wenn Twitter nicht gerade versucht, die letzte Bastion des Fernsehens zu erobern, buhlen sie um die klassischen TV-Sender. Schließlich eignet sich Twitter vor allem zur Echtzeit-Begleitung von Events und die gibt es, abgesehen von Nachrichtengroßereignissen vor allem regelmäßig im TV. Shows, Staffelfinalen, Sportgroßereignisse oder der allsonntägliche Tatort werden von den Nutzern mit dem ein oder anderen Tweetstorm begleitet. Und so hat Twitter neben diversen Guidelines, wie das eigene Logo auf dem Fernsehschirm auszusehen hat, auch Tools und andere Angebote, die Sender und Nutzer dazu bringen sollen, Twitter weiter in die Sende- und Sehgewohnheiten zu integrieren.  So hat Twitter beispielsweise auch Snappy aufgekauft, ein Tool, dass es Fernsehsendern ermöglicht, spannende TV-Ausschnitte und Highlights einfach und unverzüglich auf Twitter zu teilen.

[easy-tweet tweet=”Neues Feature: TV Timeline soll Twitter für Nichtnutzer attraktiv machen” user=”netzfeuilleton” usehashtags=”no”]

Tatsächlich ist TV Timeline vor allem ein weiterer Versuch, alternative Timelines zu etablieren, die vor allem auch für passive und nicht angemeldete Nutzer Twitters Attraktivität zeigen. Schließlich kämpft Twitter nun schon eine Weile mit stagnierendem Wachstum und entsprechend nervösen Investoren. Und während die bestehenden Hardcore-User bei jeder Ankündigung, dass Twitter etwas an ihrer mit Herzblut kuratierten Timeline ändern könnte, Zeter und Mordio rufen, ist es für neue Nutzer bis heute schwierig, sich in dem Service zurecht zu finden und vor allem die für sie spannenden Inhalte zu finden. Zumindest den Fernsehliebhabern unter ihnen könnten die TV Timelines jetzt ein Anlaufpunkt sein. Und vielleicht entwickeln sie sich von da ja sogar zu richtigen Twitternutzern.

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Netz & Video

Eine 80er-Jahre-artige Computershow erklärt: “Computer Communities”

Wo sind eigentlich die ganzen Computershows hin, die versuchen uns die wundersamen Welten des World Wide Web und des Personal Computing näherzubringen? Regelmäßig geistern durch die Blogs noch Ausschnitte von achtziger Jahre TV Segmenten, die mit spitzen Fingern technische Gerät erläutern und sich eine Zukunft im Cyberspace ausmalen. Die technischen Neuerungen sind darin natürlich längst überholt, die unangenehme Befremdlichkeit mit der Technik beschrieben wird aber noch längst nicht.

Computer Show: Technische Neuerungen und Befremdlichkeit

Und so hat Sandwich Video jetzt die “Computer Show” aus der Taufe gehoben: Im 80er Jahre Stil erklären hier zwei Hosts die technische Welt von Reddit und Kunst am Computer. Seltsam aus der Zeit gefallen scheinen sie von URLs und Mobile Web erst am Rande gehört zu haben und bringen so ein bisschen das Staunen zurück in unsere technische Welt. Und jede Menge Awkwardness.

Bislang gibt es zwei Folgen, die Webseite (Stilecht in Grün auf Schwarz) verspricht aber Minimum vier Folgen. Sandwich Video dahinter kennt man von einigen der besseren Werbe- und Kickstartervideos im Netz und Adam Lisagor war seinerzeit einer der Hosts des vielleicht bis heute besten Podcasts “You look Nice today“.

Reddit erklärt

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Netz & Youtube News & TV 2.0

Wie Alphabet Google neue Wege gibt Geld zu verdienen

Lange hat Google einen Großteil seiner Einnahmen über Werbung erzielt. Das wird in naher Zukunft auch so bleiben, aber die neue Unternehmensstruktur um Alphabet gibt Google die Möglichkeit neue Geschäftsmodelle auszuprobieren.

Dieser Artikel lässt sich auch anhören:

Google: Von der Suchmaschine zur Werbemaschine

Ich weiß noch wie enttäuscht ich war, als ich während meines Studiums die Möglichkeit hatte, Google zu besuchen. Zwar trugen die Angestellten das Mantra “die Informationen der Welt zu organisieren und für alle zugänglich zu machen” wie eine Monstranz vor sich her, aber alles was sie von ihrer Arbeit berichten, erzählte eigentlich von Google als einer einzigen große Werbefirma.

Im täglichen Geschäft ging es dann eben doch nur darum, möglichst viele neue Werbekunden an Land zu ziehen. Natürlich war die Erfindung des AdSense Systems genial und hat Google lange Zeit zu einem der profitabelsten Internetfirmen der Welt gemacht. Aber seither ist, was Kernprodukt und die Anzeigen angeht, nicht mehr wirklich viel passiert.

Larry Page will mehr sein als ein Werbeverkäufer

Anscheinend bin ich nicht der Einzige dem das für Google – und für sich selbst – zu wenig war: Auch Larry Page will mehr sein als ein Werbeverkäufer. Er betont immer wieder wie wichtig es ihm ist die Welt zu verbessern und die Gesellschaft zu verändern. Auch in seiner Ankündigung, Google unter der Dachfirma Alphabet auszugliedern, spricht er von der Aufregung noch ambitioniertere Dinge zu tun und das Leben von so vielen Menschen wie möglich zu verändern.

Interessanterweise bekommen die Gründer Larry Page und Sergey Brin nicht nur die Möglichkeit jetzt wieder viele neue Firmen zu gründen (oder zu kaufen(Twitter anyone?)) und zu versuchen das Leben der Erdenbürger zu verlängern, sondern sie können dabei auch wieder über neue Geschäftsmodelle nachdenken. Ein zweites Google Adsense erfinden. Denn Geschäftsmodelle spielen eine entscheidende Rolle bei der Aufspaltung der Firmen im neuen Alphabet Konglomerat.

Alphabet Google Konzern - Firmenaufteilung
Die Aufteilung des Alphabet Google Konzerns soweit bislang bekannt

Warum Youtube keine eigene Firma wird

Ich habe mich zunächst sehr gewundert, dass ausgerechnet YouTube nicht als einzelne Firma in Alphabet gelistet wird, sondern weiterhin Teil von Google bleiben soll. Es sind zwar noch nicht alle Details bekannt, welche Produkte ausgegliedert werden, aber Android, Google Maps und eben YouTube bleiben Teil von Google.

Dabei ist YouTube sicherlich das Produkt, das bei Konsumenten unabhängig von Google am bekanntesten ist. Zunächst dachte ich, dass man so verstecken will, dass YouTube alleine noch immer nicht profitabel ist und weiterhin Zuschuss von der Google-Mutter braucht.

Ein anderer Ansatz ergibt aber mehr Sinn. Wie Ben Thompson bemerkt, verläuft die bisher bekannte Trennung zwischen den Firmen innerhalb von Alphabet anhand derer die sich über Werbung finanzieren und solchen, die andere Geschäftsmodelle verfolgen. Alles was Geld über Werbung verdient bleibt Teil von Google. Alles andere ist frei sich neue Einnahmequellen zu suchen.

Und YouTube finanziert sich eben in erster Linie über Werbeeinnahmen, insofern ist es sicher sinnvoll das gesamte Know-How zur Werbevermarktung in einer Firma zu belassen und so höhere Synergie-Effekte zu erzielen. Update: Matthew Ingram hat bei Fortune ebenfalls ein paar Gründe gesammelt, weshalb YouTube Teil von Google bleibt. Interessant finde ich noch den Hinweis, dass YouTube selbst auch zu einem Großteil auf Suchtechnologie beruht, YouTube ist schließlich die zweitwichtigste Suchmaschine der Welt. Ingram hält die Theorie mit den ähnlichen Geschäftsmodellen aber auch für die plausibelste. Auch die GoogleAdsense Einheit bleibt dieser Logik folgend natürlich Teil von Google.

Google verlangt jetzt auch Geld für Produkte

Unabhängig agieren zum Beispiel Calico, die sich um Gesundheitsforschung bemühen oder die Investitionsfirmen Google Capital und Google Ventures, die auf ganz andere Weise wirtschaften.

Prominentestes Beispiel, wie Unabhängigkeit von Google funktioniert, ist bislang wahrscheinlich Nest. Nach dem Aufkauf durch Google wurden Nest als eigene Firma weiterbetrieben und erwirtschaftet seine Einnahmen durch den direkten Verkauf von Heizreglern.

Android bleibt auch Teil von Google

Ein Ausbrecher aus der strengen Trennung nach Erlösmodellen ist Google Play, Googles digitaler Store für Filme Musik und Apps. Schließlich verdient Google hier direkt 30% an jedem Verkauf. Hier lässt sich argumentieren, dass Google Play eng mit Android verknüpft ist und gleichzeitig das mobile Werbebusiness immer wichtiger wird, so dass der Verbleib in der Google Familie essentiell ist.

Gleichzeitig bedeutet es für diverse Projekte, die aus dem Forschungslabor Google X herausfallen, dass sie neue Wege finden müssen selbst Einnahmen zu erwirtschaften.

Ein Beispiel ist Google Fiber, die ebenfalls als eigene Firma in Alphabet gelistet werden. Mit Fiber hat man es geschafft in jedem Markt, den man betreten hat, große Welle unter den Internetprovidern zu schlagen. Und natürlich verlangt hier Google auch direkt Geld von seinen Kunden.

Alphabet Google Self Driving Car
Das Alphabet Google selbstfahrende Auto

Alphabet: Eine Firma für Heißluftballons und selbstfahrende Autos

Die Frage ist was mit anderen Moonshot Projekten ist. Zum Beispiel Google Loon, das Projekt bei dem Heißluftballons so eingesetzt werden, dass auch entlegene Ecken mit Internet versorgt werden können. Bislang herrschte häufig die Annahme, dass Google all das nur tut, um mehr Leute online zu bringen, dadurch mehr Leute an ihre Suchmaschine heranführt und so wiederum auf mehr Einnahmen hofft. Nun würde sich wahrscheinlich anbieten, Google Loon als Teil von Google Fiber zu betreiben und tatsächlich einfach Geld zu verlangen. Vielleicht ist die Zeit vorbei in der uns Google gratis mit neuen Produkten wie Google Maps, der eigenen Office-Suite Google Docs und GMail versorgt.

Natürlich muss man noch ein bisschen abwarten wie genau die endgültige Struktur von Alphabet aussehen wird. Aber die Öffnung und Ausgliederung in unterschiedliche Geschäftsmodelle zeigt, dass wir für das selbstfahrende Auto von Google vermutlich nicht nur mit unseren Daten bezahlen werden, sondern zusätzlich auch hart verdiente Euros auf den Tisch legen müssen.

Neues zu Medien und oft auch wie sie Geld verdienen in den morgenlinks [mc4wp_form]

Creative Commons Lizenzvertrag
NMM00: Google, Alphabet & das Business ABC von Jannis Kucharz ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht kommerziell 4.0 International Lizenz.
Beruht auf dem Werk unter http://netzfeuilleton.de/alphabet-google-konzern-geld/.
Über diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse können Sie unter http://netzfeuilleton.de/kontakt/ erhalten.

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Netz & Video

“Friend” – eine ganz neue Art Selfiestick

Selfiesticks sind zwar in, aber doch oft unpraktisch: Sie müssen auf das Handymodel passen, haben nur eine begrenzte Reichweite und setzen meist auf die qualitativ schlechtere Frontkamera des Handys. Mal ganz abgesehen davon, dass Selfiesticks sozial nicht gerade akzeptiert sind.

Deshalb hat College Humor sich nun eine ganz neue Art des Selfiesticks ausgedacht: “Friend”. Ein Selfiesticks, der so gute Selfies macht, dass man sie sogar einfach Fotos nennen kann. Friend lässt sich beliebig weitweg stellen und kann sogar selbstständig den Bildausschnitt, Fokus und Ausleuchtung optimieren. Außerdem hat er die bislang wohl innovativste Sprachsteuerung und erkennt natürliche Sprache problemlos.

Friend lässt sich darüber hinaus mit weiteren Friends kombinieren, um so für ein belebteres Bild zu sorgen. Darüber hinaus hat Friend viele weitere Funktionen, wie Reden, Spielen, Sport, Ausheulen, Betrinken…

Und man steht mit einem “Friend” nie als asozialer Narzisst da, sondern wirkt stets als hätte man tatsächlich Freunde.

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Gesellschaft Netz &

Du fühlst dich wohl im Internet? Glückwunsch zu deinem weißen Penis

Das Netz ist für viele ein wundervoller Ort. Man kann Freunde treffen, Gleichgesinnte und neue Kayak-Freunde finden. Zumindest wenn man weiß und männlich ist. Für viele andere sieht die Erfahrung im Netz anders aus.

Vergewaltigungsdrohungen, Tweets und Video Games

Wenn man es zum Beispiel wagt, als Frau darauf hinzuweisen, dass die Geschlechterverteilung in vielen Videospielen nicht ganz gerecht sind und Frauen dort nur als leichtbekleidetes Entführungsopfer auftauchen, muss man mit Mord-, Todes- und Vergewaltigungsdrohungen rechnen.

Wenn man es dann noch wagt als Frau ein Videospiel zu entwickeln,  in dem nur Frauen vorkommen, muss man in letzter Konsequenz aus seinem Haus ausziehen, weil man sich dort nicht mehr sicher fühlen kann.

Revenge Porn und Nacktbilder

Als es letztes Jahr zum Hack der Privatbilder vieler Promis kam wurde das medial “The Fappening” getauft und alle Frauen der Rat gegeben in Zeiten von Smartphones mit Kameras, Snapchat und gehackten Webcams doch einfach keine Nacktbilder zu machen. John Oliver bringt dazu den schönen Vergleich: “Das ist, als würde man Menschen raten, doch nicht in einem Haus zu wohnen, um sich vor Einbrüchen zu schützen.”

[quote_right]”Das wäre, als würde man Menschen raten, doch nicht in einem Haus zu wohnen, um sich vor Einbrüchen zu schützen.”[/quote_right]

Damit sind wir auch bei dem Video oben: John Oliver nimmt sich mal wieder die Internetkultur vor und wundert sich, dass es noch nicht einmal ein ordentliches Gesetz gegen Revenge Porn gibt, also den Fall, das enttäuschte, erbärmliche Exfreunde private Fotos ihrer früheren Freundin ins Netz stellen.

Es gab sogar den Fall, das Frauen weitere Nacktfotos an Behörden schicken sollten, um nachzuweisen, dass das auch ihr Körper ist, der da ungefragt im Internet steht.

Das man sich ungestört im Netz bewegen kann ist also ein weiteres Privileg für Männer mit weißen Penis. [Tweet this!]

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Medien Netz &

Zuckerbergs Traum von Facebook als perfekte personalisierte Zeitung

Es war einer der sichtbarsten Fehler von Mark Zuckerberg: 2013 versprach er ein großes Redesign der Facebook-Webseite, mit dem Ziel den Facebook Nachrichtenstrom in eine personalisierte Zeitung zu verwandeln. Das neue Design wurde nie eingeführt, bei Testnutzern fiel es durch. Die Vision von Facebook als personalisierte Zeitung hat Zuckerberg damit aber keinesfalls aufgegeben. Inzwischen hat er sie sogar erfolgreich umgesetzt.

Wie Facebook personalisierte Zeitung wurde

Hochzeitsannoncen und Geburtsanzeigen erschienen früher fast ausschließlich im hinteren Zeitungsteil – all meine Freunde posten diese nun auf Facebook. Auch Wohnungsgesuche und -angebote werden über die soziale Plattform geteilt.  Eine ganze Generation von Nutzern sucht inzwischen keine traditionellen Nachrichtenmedien mehr auf, sondern wartet, bis ihnen Neuigkeiten in die Facebook Timeline gespült werden. Und das teils mehrmals am Tag.

Facebook ist dazu übergegangen, nicht nur seine monatlichen Nutzer anzugeben, sondern setzt den Fokus auf täglich Aktive. In Europa sind das 225 Millionen.

Alle Arten von Anzeigen wandern zu Facebook

Dementsprechend haben sich traditionelle Medien schon seit einer Weile aufgemacht ihr Publikum direkt in sozialen Netzwerken zu erreichen. Jedes Medium betreibt inzwischen eine eigene Facebookseite und füttert den blauen Riesen mit Inhalten.

Die neuste Einführung der “Instant Articles” erlaubt es ausgewählten Partnern Artikel direkt auf Facebook zu veröffentlichten. Ein entscheidender Schritt für Zuckerbergs Vision. So arbeiten mittlerweile einige der besten Journalisten der Welt für Facebook. Die New York Times ist beispielsweise Teil dieses Angebots. Facebook muss sie dafür noch nicht einmal bezahlen, sondern erhält auch noch 30% der Werbeeinnahmen, wenn die Anzeigen durch Facebook geschaltet werden.  (Einen ganz ähnlichen Deal strebt nun auch die Apple News App an.)

Wer berichtet noch unabhängig über Facebook?

Aber ein zunehmender Teil der Werbekunden schaltet mittlerweile sowieso lieber Anzeigen direkt bei Facebook, wegen der unheimlich genauen Zielgruppenansprache. Facebook gibt das eine enorme Macht. Es bestimmt, welche Nachrichten 1,4 Milliarden Menschen aus ihrem Umfeld und der Welt zu sehen bekommen. Was im Print die Redaktionslinie war, übernimmt hier ein Algorithmus.

[pull_quote_center]Zuckerberg hat seinen Traum von Facebook als perfekte personalisierte Zeitung erfüllt.
[Tweet this!][/pull_quote_center]

Facebook hat schon gezielt einzelne Medien nach unten sortiert, weil ihnen der Inhalt und die Aufbereitung nicht passte. Es schade der Nutzerexperience, ist die Begründung. Oder hat einzelne Nachrichten gelöscht, ohne die Angabe einer Begründung. Wenn nun immer mehr Journalisten abhängig davon sind, was Facebook gefällt, stellt sich die Frage, wer noch kritisch beobachten soll, was Facebook mit unseren Daten treibt. Schließlich wird Zuckerbergs Vision kaum an dieser Stelle stoppen. Nur wer soll dann noch unabhängig darüber berichten?


Dieser Artikel war meine letzte Netzfeuilleton Kolumne in der Allgemeinen Zeitung.
Zuvor hatte ich das geschrieben.
Bild: CC BY-NC 3.0 
Alex Washburn/Wired

Mehr zu Veränderung der Medien per Mail: [mc4wp_form]

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Medien Netz &

Alles was wir bislang über die Apple News App wissen

Es war eine der wenigen Überraschung bei der diesjährigen WWDC: Apple hat mit der Apple News App sein eigenes personalisiertes Magazin vorgestellte. Damit steigt nach Facebook und Google nun auch der dritte Internetriese ins Nachrichtenangebot ein. Hier ist alles, was wir bisher über die Apple News App wissen.

  • Apple News ist Teil von iOS9 und wird damit auf allen iPhones und iPads mit dem neuen Betriebssystem vorinstalliert sein.

Deutschlandstart für Apple News steht noch nicht fest

  • Zum Start wird Apple News zunächst nur in den USA, Großbritannien und Australien verfügbar sein. Ein Deutschlandtermin steht noch nicht fest. Unklar ist auch woran der hängt, ob an mangelnden Partnern oder mangelhaften Gesetzen, wie dem Leistungsschutzrecht.
  • Momentan werden nur englischsprachige Inhalte eingestellt.
  • Als Nutzer kann ich mir ein personalisiertes Magazin zusammenstellen, in dem ich mir gezielt einzelne Publikationen oder entweder Interessensgebiete auswählen. Das erinnert natürlich an Apps, wie Flipboard, Zite oder Nuzzel, die ebenfalls aus persönlichen Interessen neuen Lesestoff liefern.
Alles über Apple News: Eigenes Magazin zusammenstellen
Die Apple News App erlaubt das Zusammenstellen eine personalisierten Magazins

Eigenes Format für Apple News und RSS-Unterstützung

  • Zum Start sind einige Partner in den USA dabei. Unter anderem die New York Times, Condè Nast und der Guardian. Als Partner kann man seine Artikel auch mit eigenem Layout und eigener Typographie versehen und um Bilderstrecken anreichern. Dazu launcht Apple ein eigenes Apple News Format. Das erinnert natürlich stark an Facebooks Instant Articles. Vor allem das Design des New York Times Artikel sah dem ersten Instant Article auf Facebook verdächtig ähnlich.
Alles Über Apple News App: Die bisherigen Partner
Bisherige Partner zum englischsprachigen Start der Apple News App
  • Allerdings lassen sich auch einfach RSS-Feeds in News hinterlegen. Das geht auch schon ab sofort über eine einfache iCloud Anmeldung. Somit kann auch jedes Blog oder andere Webseite seine Inhalte in News publizieren. Das erinnert wiederum an Googles “besseren” RSS-Reader Google Currents, der aber auch nur mäßig erfolgreich ist.
  • Apropos mäßig erfolgreich: News ersetzt damit den Newsstand auf iOS, also Apple Magazin und Zeitungskiosk. Die Apps darin sollen normale Apps werden. Newsstand hat nie wirklich Fuß gefasst. Was den Verlagen zuerst als großer Vorteil verkauft werden sollte, wurde zum Nachteil. Schließlich waren die Magazine in einem eigenen Ordner versteckt und die Features, wie automatisches Update, bekamen auch normale Apps.

Geld verdienen mit Apple News App

  • Wie lässt sich eigentlich in der Apple News App Geld für die Publikationen verdienen? In der Keynote wurde darüber kein Wort verloren, aber dem Developer FAQ kann man entnehmen, dass die Publisher eigene Werbebanner einbinden können und von denen jeweils 100% der Werbeerlöse behalten dürfen. Zusätzlich will Apple leere Werbeplätze mit iAds füllen und den Publishern davon 70% abgeben.
  • Von Paid Content ist allerdings keine Rede. Die New York Times will wohl 30 gratis Artikel am Tag zulassen (Auf der Webseite sind es zum Vergleich nur 10 pro Monat). Wie Magazinhersteller damit umgehen bleibt noch abzuwarten. Vielleicht wird eine solche Anbindung auch noch nachgeliefert.
  • Auch Sponsored Articles sollen in der Apple News App erlaubt sein, so lange sie als solche gekennzeichnet werden.

Warum sollten Publisher bei Apple News App mitmachen?

  • Apple verstärkt auch die Suche unter iOS9, in den Suchergebnissen tauchen auch Newsmeldungen auf. Ich nehmen an, dass die Links in den meisten Fällen auch in die Apple News App führen.
    Apple News App - Teil der iPhone Suche
  • iOS 9 soll außerdem die Möglichkeit mitbringen Werbeblocker für den mobilen Safari Browser zu installieren. iAds und die Apple News App sind von solchen AddOns natürlich ausgenommen. Wirkt fast ein bisschen wie Erpressung, um die Publisher in die Apple News App zu drängen, aber die ist in der AdBlocker-Branche ja Programm.

Privatsphäre als Nutzungsargument

  • Wird ein Link aus der App geteilt wird, öffnet sich bei iOS 9-Nutzern die News-App, bei allen anderen führt der Link auf die Webseite.
  • Apple hat außerdem große Betonung, wie bei allen vorgestellten Diensten, darauf gelegt, dass News möglichst privatsphärefreundlich ist. Was man liest, soll also nicht mit anderen Applediensten verbunden werden und den Publishern werden zwar Analytics an die Hand gegeben, aber keine individuellen Daten. Das war beim Newsstand lange die Diskussion: Da wollten die Verlage natürlich wissen, wer ihre Abonnenten sind und nach langem hin-und-her fügte Apple einen Dialog ein, der es Nutzern freiwillig erlaubte ihre Daten weiterzugeben. Das scheint hier nicht möglich.

Drei Gedanken zum Schluss:

  • Mit der Apple News App rückt der Absender weiter in den Hintergrund. Wenn ich durch mein personalisiertes Magazin wische, ist mir erst recht egal, von wem die Geschichte gerade kommt, sie scheint mich ja zu interessieren. Zwar gibt Apple den Publishern mit dem eigenen Format einige Werkzeuge an die Hand, um ein eigenes Branding zu erstellen, aber das beschränkt sich, nach allem was ich bislang sehe, auch auf die Schriftart und ein kleines Logo im Header. Die Entbündelung von Nachrichten geht also einen Schritt weiter.
Apple News App: Artikelansicht
Die Artikelansicht in der Apple News App
  • Der Vergleich zu Facebook Instant Articles fällt immer wieder auf. Für mich ist der entscheidende Unterschied: In der Facebook-App bin ich als Nutzer sowieso unterwegs und klicke auf Artikellinks. Für Apple News muss ich wieder gezielt eine eigene App ansteuern, öffnen und daraus eine Gewohnheit machen. Hier wird sich zeigen, ob die App tatsächlich ein Erfolg wird.

[pull_quote_center]Die Apple News App ist nur ein Weg auf dem Apple gestern ins Mediengeschäft eingestiegen ist[/pull_quote_center]

  • Und zum Abschluss noch ein Schlenker. Die Apple News App ist nur ein Weg auf dem Apple gestern ins Mediengeschäft eingestiegen ist. [Tweet this!] Mit “Beats 1” hat Apple tatsächlich einen eigenen Radiosender gestartet. Apple ist nun also auch Broadcast-Company. Die große Betonung lag hier gestern auf der händischen Auswahl der Musiktitel. “Not just algorithms, but real people”, lautete das Mantra. Das die händische Auswahl und Zusammenstellung besser ist als die rein algorithmenbasierte, wie bei Spotify, Last.fm oder vielen Internetradios, versucht man sich in der Radiobranche schon seit Jahren untereinander zu versichern.

Wie sich die Medienbranche entwickelt, darüber schreibe ich auch regelmäßig in meinem Newsletter: [mc4wp_form]

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Netz & Politik

Das ist Merkels BND-Affäre

Seit bald zwei Jahren werden wir von unserer Bundesregierung vorgeführt. Manch einer mag behaupten, das geht schon wesentlich länger, aber lassen wir die Polemik einen kleinen Moment zur Seite.

Seit dem Beginn der Snowden Enthüllungen wird uns eine lückenlose Aufklärung versprochen, dessen was die Geheimdienste in unserem Land treiben. Seither wird uns vorgegaukelt, es kümmere irgendjemanden, was mit unseren Grundrechten und unserer Privatsphäre geschieht. Seit Beginn der Spionage-Affäre hat sich auch angedeutet, dass der BND darin sehr viel tiefer verwickelt ist, als gedacht.

Wir wurden an unzähligen Stellen belogen

Nun, da sich das ganze Ausmaß entfaltet, wird gleichzeitig offenbar an wie vielen Stellen wir auch im Anschluss belogen wurden. Als Angela Merkel versicherte, dass die Amerikaner sich auf deutschem Boden an deutsches Recht halten würden, war das schlicht falsch. Das geht aus dem Mail-Verkehr hervor, den die Süddeutsche veröffentlicht. Das No-Spy-Abkommen, das uns zur Beschwichtigung hingehalten wurde, wurde in dieser Form nie diskutiert oder versprochen. Als Berater zur Aufklärung in die USA flogen, ging es dabei vor allem darum, wie man die Wogen der Diskussion glätten könnte.

Die Bundesregierung behindert aktiv die Aufklärung des Geheimdienstskandals

Und auch nun im BND-Skandal verspricht man uns Aufklärung. Während die Kanzlerin also verlauten lies, dass Abhören unter Freunden gar nicht ginge, lauschte die eigene Unterabteilung des BND zusammen mit der NSA bei den Franzosen. Dazu verliest Steffen Seibert Mal für Mal sorgsam formulierte, nichtssagende Pressemitteilungen. Bei Fragen verweist das offizielle Sprachrohr der Kanzlerin darauf, dass man nichts weiter sagen könne. Alles Weitere soll im zahnlosen Parlamentarischen Kontrollgremium geklärt werden, unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Stets wird von Aufklärung gesprochen und noch im selben Satz auf die Geheimhaltung der betroffenen Dokumente verwiesen. Tatsächlich wurde bislang kein Schritt Richtung Aufklärung unternommen. Die Arbeit des NSA-Untersuchungsausschuss wurde sogar aktiv behindert, in dem man eine Einladung Edward Snowdens zu verhindern wusste.

Es sind schon Bundeskanzler wegen weniger Spionen zurückgetreten

Nun versucht man einen Geheimdienstkoordinator, Kanzleramtsminister oder Innenminister als Bauernopfer zu positionieren, um den Skandal abermals zu beschwichtigen. Das bringt uns aber nicht weiter. Schließlich weist die Verantwortung inzwischen viel höher. Es ist Merkels BND-Affäre. Aber zunächst brauchen wir tatsächlich endlich eine Aufklärung und viel wichtiger eine Änderung der Zustände: Das anlasslose Ausspionieren unseres Privatlebens muss aufhören.

Im Zuge dessen kann man sehen welche personellen Konsequenzen gezogen werden müssen. Aber, Polemik wieder an, es sind schon Bundeskanzler wegen weniger Spionen zurückgetreten. [Tweet this]

Bild: CC-BY-2.0 EPPofficial
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ieser Artikel erschien zunächst in der Allgemeinen Zeitung