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Der Traum von der Unsterblichkeit

Der natürliche Tod nur noch als Relikt vergangener Zeiten? Geht es nach Forschern wie Aubrey de Grey, seinerseits Bioinformatiker der Universität Camebridge, soll dies keine Utopie bleiben. Bereits heute prognostiziert er, dass Menschen, die in 20 Jahren geboren werden bis zu 5000 Jahre alt werden könnten. Und dies sei nur der Anfang auf dem Weg zur Unsterblichkeit. Die Forschung auf jeden Fall boomt. Unter anderem werden Gene besonders alter Menschen, wie auch die einer Quallen-Art, die es vermag ihre Zellen zu regenerieren, akribisch studiert, um diesen Traum zu ermöglichen. Ein Traum der nicht erst seit Highlander in den Köpfen der Menschen sein Unwesen treibt.
Klingt auf den ersten Blick verlockend. Unendlich viel Zeit für all die Dinge, die heute noch auf Grund überfüllter Terminkalender ihr Dasein als Wunschvorstellungen auf ewig fristen müssen.

Der Mensch, in Stein gemeißelt
5000 Jahre alt werden Menschen bislang nur, wenn man sie  in Stein meißelt. Aber das könnte sich ändern. | Foto von
Blue Man unter CC-Lizenz

Hygiene und medizinischer Fortschritt haben die Lebenserwartung des Durchschnittsdeutschen in den letzten 100 Jahren um 30 Jahre steigen lassen. Warum sollte die Genforschung diese Entwicklung also nicht exponentiell ansteigen lassen können. Ähnlich wie in der Computerchipindustrie. Aber was bedeutet das wirklich? Wer würde wohl von einer derartigen Entwicklung profitieren? Die gesamte Menschheit? Kaum anzunehmen, liegt doch die durchschnittliche Lebenserwartung in Simbabwe heute noch circa 40 Jahre unter der in Deutschland. Also würde das ewige Leben wohl ein Privileg einer kleinen Elite, im besten Falle, nachdem der Produktlebenszyklus die Degenerationsphase erreicht hat, einem Großteil der ersten Welt bleiben. Eine überbevölkerte Welt, mit steigender Tendenz, wird nun also zusätzlich besetzt. Der Platz für neues Leben begrenzt. Bitte hinten anstellen, schließlich war das ewige Leben teuer!

Ressourcen erschöpfen sich bereits heute, die Nahrungsmittelproduktion hat auch ihre Grenzen, wenn diese auch durch weitere Genmanipulation variabel werden. Wie nun weiter? Vielleicht weltweit die Ein-Kind-Politik implementieren á la China. Um die Dritte Welt braucht man sich keine Gedanken machen, schließlich geht es ja hier um den natürlichen Tod der überlistet werden soll. Krankheiten, mangelnde medizinische Versorgung und Kriege werden schon für ein neues, weltweites Gleichgewicht sorgen.

Aber selbst wenn alle Menschen, die heute die Erde bevölkern, von derartigem Fortschritt profitieren könnten, würde der natürliche Kreislauf dramatisch gestört. Leben kommt, Leben geht. Wer sind wir Menschen diesem Prinzip des irdischen Daseins einfach entkommen zu wollen. Mit welchem Recht würde ein Leben ewig existieren während ein neues nie eine Chance hätte sich zu entwickeln?

Forschung bedeutet Fortschritt. Fortschritt hat uns aus den Höhlen in die Hochhäuser gebracht die wir heute bewohnen. Mit all den Annehmlichkeiten auf die kaum einer, der sie je genossen hat wieder verzichten möchte. Dogmatische Stagnation ist der falsche Weg, dennoch sollten Motive ständig hinterfragt, Folgen abgeschätzt und moralische Komponenten bestimmter Entscheidungen nicht außer Acht gelassen werden. Vielleicht sollten Ressourcen zunächst in den Versuch gesteckt werden mehr Menschen an unseren aktuellen Lebensstandard heranzuführen als uns mit Meilenstiefeln von diesen zu entfernen. Und somit möchte ich mit einem Zitat von Johannes Gross, seinerseits ehemaliger Chefredakteur der Zeitschrift Capital, abschließen:

„Ich kenne unzählige Menschen, die nach dem ewigen Leben dürsten, aber mit einem verregneten Sonntagnachmittag nichts anzufangen wissen.“

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Die Virtualisierung der Realität

Deutschland, schau’ dir deine Jugend an.
Denn die Jugend von heute ist die Zukunft von morgen.

Ein Vorwort sei mir gegönnt: Dies ist keine Kaya-Yanar-Comedy und es liegt mir fern, mich über den falschen Gebrauch der (schweren) Sprache „Deutsch“ von Ausländern oder deren Kindern lustig zu machen. Die Sprachprobleme werden allerhöchstens als Vergleichsbild herangezogen und sollten differenziert betrachtet werden.

Komische Sprachen, seltsame Schrift, falsche Grammatik, von korrekter Rechtschreibung weit und breit nichts zu sehen und eine eigentümliche Ausdrucksweise.

Als Jugendlicher will man immer etwas anders sein. Rebellieren!
Anders sein und sich selbst erfinden. Nicht umsonst gibt es (sog.) Generationen-Konflikte. In Wandel von Zeit und Sprache ergeben sich dahingehend Unstimmigkeiten.
So können sich viele reifere Personen mit Begriffen wie „krass“, „geil“ oder „cool“ immer noch nicht anfreunden. Doch sind dies Worte, die durch eine Generation und deren Lebenseinstellung entwickelt, getragen und etabliert wurden. Die ältere Generation sieht das gelassen und kann der Zukunft auch risikolos entgegen sehen. Aber ist das Verhalten der heutigen Kinder und Jugendlich immer noch nur anders – oder kann man da von falsch sprechen?

In einer Welt, in der der Leistungsdruck enorm ist und die Firmen am liebsten tadellose-niemals-krank-seiende und emotionslosen Roboter beschäftigen würden, fällt oftmals die Erziehung der Kinder diesen Faktoren zum Opfer.
So arbeiten heutzutage häufig beide Elternteile. Oftmals auch in mehrere kleinere Jobs gleichzeitig, die den Lebensunterhalt sichern.
An sich ist dieser Druck der Gesellschaft schon immens und ein familiäres Leben macht die Situation nicht einfacher.

Dass ein Erwachsener mehrere Stunden am PC verbringt (verbringen muss), das Gerät danach ausmacht und in „seine Welt“ zurückkehrt, ist normal. Seine Erziehung, lernen von Werten und Fähigkeiten, fand noch in einer Welt ohne viele der heutigen technischen Spielereien statt.
Die sozialen Schranken, die es damals noch nicht gab, trennen die Gesellschaftsschichten immer mehr von einander.
Mittel- und Unterschicht nehmen den größten Teil der deutschen Gesellschaft (Arbeiter, Angestellte etc) ein  – doch es profitieren lediglich die Höhergestellten. Dabei geht es weniger um die Kaufkraft, als um die Perspektiven.
Während diese halb- und ganztags Betreuung in Anspruch nehmen können oder durch Hausangestellte in den eigenen Wänden ein soziales Umfeld schaffen.
Manche können dies jedoch nicht. Die Kinder bzw. Heranwachsenden verbringen die Zeit nach der Schule dann am PC und surfen im Internet, Chat und den sozialen Netzwerken.

Eine Auswirkung davon ist abnehmendes Bewusstsein für Sprache und Sprachgebrauch.
Doch bei einem Kind oder Jugendlichen besteht die Gefahr einer sozialen Abstumpfung.
Manche Studien mögen sagen, dass solche Netzwerke/Chats die Kommunikation anregen – aber unter das Wort Kommunikation zählt jeder Wortaustausch.

„Ich war heute Schule, rofl lol mein Lerer is voll der Opfer ey.“
„OMG wie hart altah.“

Man bekommt das unfreiwillig mit. So bleiben solche Gespräche nicht im Internet, sondern breitet sich auf Schulhöfe, öffentliche Plätze und somit in unsere Ohren aus.

Schon vor ein paar Jahren, war es nicht angesagt „deutsch“ zu sein. Deutsche Kinder hatten es schwer. Ein ganzes Land fand sich in einer Identitätskrise. Besonders in der Unter- und Mittelschicht, in denen viele Migrantenfamilien sich wieder finden, wurde die wachsende Anzahl deutscher Mitmenschen geschnitten. So entwickelte sich ein „Ausländer-Deutsch“ (Herablassend auch „Kanacken-Deutsch“ genannt, ein Ausdruck, den ich persönlich unmöglich finde)
Der typische Deutsche war zu sauber, zu glatt, zu korrekt in seiner Form – zu uncool für die Kids.
So passten viele sich den Sprachgewohnheiten von den ausländischen Kumpels an.
Das Problem war und ist, dass viele dieser Kinder Deutsch nicht als Muttersprache hatten und haben. Meist in der ersten und oftmals auch in zweiter Generation, sprechen diese Kinder zu Hause nicht die Landessprache, sondern die Sprache der Eltern und Vorfahren – ausschließlich.
Die daraus resultierenden schlechten schulischen Leistungen sind oftmals die Folge der Fremdsprache Deutsch.

Ein Kreislauf, der jetzt auch die deutsche Generation einholt. Denn im kindlichen Leichtsinn ahmt man gerne (Sprach-)Eigenheiten nach und passt sich seiner Umgebung an. Und doch wurde man immer durch die sozialen Schranken in die selbigen gewiesen.
So ist es bislang so gewesen, dass Heranwachsende z.B. irgendwann mal heimlich an der ersten Zigarette pafften – weil es verboten ist und das Verbotene reizt.
Für viele ist dieser Zug das erste und letzte Mal gewesen. Vielleicht wird mal im Kiosk ein Lutscher geklaut, vielleicht eine Rauferei. Man kann den „Tätern“ aber die Grenzen zeigen, die einem klarmachen sollen, dass das falsch war. Die meisten Kids verstehen das. Schließlich will man ja nicht „böse“ und kriminell sein oder werden. Man wollte nur ein bisschen die Grenzen ausreizen, sie aber nicht überschreiten.
Spätestens in der Pubertät legt man solche kindlichen Eigenheiten ab oder – so hart es klingen mag – halt nicht und lernt die Härte des Gesetzes kennen.

Doch die heutigen Probleme kennen weder soziale noch gesetzliche Grenzen.
Für falsches Deutsch wurde noch niemand verhaftet. Für unfreundliche Ausdrücke und emotionslose Belanglosigkeit, gibt es keine gesetzliche Strafe.

Mit dem Wachstum des Internets und der Virtualisierung aller Charaktereigenschaften (Freude, Leid, Streit etc) stirbt das Bewusstsein für die Realität ab.
Kinder, die nach der Schule nur in einem Forum „posten“ und den Begriff „Freunde“ nur von ihrer MySpace-Liste kennen, sind keine Seltenheit mehr. Keine „Randgruppe“. Zu viele Heranwachsende werden von ihren Eltern sich selbst überlassen. Und aufgefangen werden sie von Facebook, SchülerVZ und Co.

Da viele Eltern diese Probleme aus ihrer Jugend nicht kennen und ihre eigene soziale Ader durch das reale Leben geprägt wurde, sind sie sich vielleicht auch nicht der Situation bewusst.

Doch fragen wir uns was hat es für Auswirkungen auf ein Kind, das Emotionen nur auf dem Bildschirm sieht?
Woher soll jemand sozialen Umgang lernen, wenn man Freundschaften nur aus Foren oder sozialen Netzwerken kennt?
Wie soll ein Bewusstsein für Handeln entstehen, wenn auf eine Aktion keine Reaktion folgt?
Der Gebrauch von Schimpfwörtern, Beleidigungen und Drohungen erfolgt ohne Konsequenz.
Der falsche Gebrauch der Sprache erfolgt ohne Korrektur.

Und wenn diese Heranwachsenden den Computer ausmachen und aus der Tür gehen, projizieren sie ihr virtuelles Leben auf die reale Welt.

Folgen? Das bleibt abzuwarten. Die Vorzeichen für die Zukunft der modernen Welt sind alles andere als rosig.
Denn in der Realität gibt es keine Smilies, Tastaturen und keinen Neustart oder Aus-Knopf.

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Gesellschaft Politik

Prüfungen, Joints & Tränen

Inzwischen sind ist der Großteil der Prüfungen vorbei und damit können die Bachelor-Studenten wieder etwas durchatmen. Denn während der Klausurenphase stehen die Studenten unter einem extremen Druck, innerhalb weniger Wochen müssen viele Klausuren geschrieben werden. Diese erfordern selten eigenes Denken, sondern vor allem gutes Auswendiglernen. Ein Bericht.

Die Tränen laufen ihre Wangen herunter. Wie soll sie das nur schaffen? Sie hat nur noch vier Tage, um sich den gesamten Stoff von vier Veranstaltungen der letzten zwei Semester einzutrichtern. Lena* ist Bachelorstudentin. Genau wie ihr Freund, der hat heute Mittag schon seinen ersten Wodka getrunken. „Ich halte das sonst nicht durch“, sagt er und meint die Klausurenphase. Sein Mitbewohner raucht jetzt jeden Abend drei Joints, um einschlafen zu können. Er hat Angst, seinen Nebenjob bei einem renommierten Marktforschungsinstitut zu verlieren, weil er vor lauter Lernen diesen Monat die erforderlichen Stunden nicht erbringen kann.

Bachelor Studenten im Hörsaal
Bachelor Studenten im Hörsaal. // Unter CC BY-ND 2.0 bei Karola Rieger

Die Nerven in der WG liegen blank

Auch Lena geht zweimal die Woche vor der Uni arbeiten, ihre Eltern können ihr nicht genügend Geld geben, damit es zum Leben reicht. Wenigstens hat sie das Glück, in einem Bundesland ohne Studiengebühren zu wohnen, sonst müsste sie noch mehr arbeiten. Dafür ist eigentlich keine Zeit, schließlich ist der Bachelorstudiengang als 40-Stunden-Woche konzipiert, mit sechs Wochen Urlaub im Jahr. Die Semesterferien sind schon lange keine mehr, sie nennen sich nicht umsonst „vorlesungsfreie Zeit“. Da werden dann Klausuren reingeschoben, es sind Hausarbeiten zu schreiben und Praktika zu absolvieren.

Während der Klausurenphase ist der Stress besonders hoch. Die Nerven in der WG liegen blank, schließlich zählen alle Arbeiten bereits für die Abschlussnote. Auch sonst haben die Noten einen hohen Stellenwert: Wer zum Beispiel mit dem ERASMUS-Programm ein Auslandssemester belegen will, muss Bestnoten vorlegen, denn nur diese zählen im Auswahlverfahren. In das Motivationsschreiben wird nur im Ausnahmefall mal hineingeschaut.

Echtes Wissen und Verstehen ist dabei kaum gefragt, sondern vor allem Auswendiggelerntes. Das macht auch eine Professorin recht deutlich, wenn sie andeutet, dass man mit logisch hergeleiteten Antworten in der Klausur nicht punktet, sie will das Lesen was auf ihren Folien stand.

Burnout schon nach sechs Semestern

Unter den Studierenden hat sich der Begriff „Bulimielernen“ eingebürgert: Man stopft sich bis zur Klausur möglichst alles Wissen rein, um es danach wieder auszukotzen, damit Platz ist für die nächste. Dabei sind es dieses Semester sogar weniger Klausuren, im letzten mussten innerhalb weniger Wochen 11 Prüfungsleistungen abgelegt werden. Auch dem sonst immer so motivierten Kommilitonen fehlt da der Antrieb: „Mit macht einfach nichts mehr Spaß“, sagt er. Egal ob es darum geht sich für das Studium zu motivieren oder seine Freizeit zu gestalten: Antriebslosigkeit, ein Symptom von Burnout. Er hatte sich vorgestellt, mehr in die Dinge einzutauchen, die ihn interessieren, aber das durchstrukturierte Studium lässt es kaum zu, eigene Präferenzen zu setzen.

Im letzen Jahr hatten die Studenten mit zahlreichen Streikaktionen auf ihre Lage auf ihre Studiensituation aufmerksamgemacht. Tausende gingen während der Bildungssreikwoche im Juni auf die Straße, und im Winter waren über 80 Hörsäle in ganz Europa waren besetzt. Inzwischen wurden Nachbesserungen an dem kritisierten Bachelorstudiengang versprochen. Aber von diesen Reformen werden Lena & Co. wahrscheinlich nichts mehr haben. Denn bis die  Verbesserungen der Reformen umgesetzt werden, sind sie mit ihrem Bachelorstudium durch.

(*Name geändert)

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Gesellschaft Politik Video

Heike Makatsch und die süße kleine Bankensteuer

Dieses Video ist natürlich nicht nur wegen Heike Makatsch sehenswert, sondern weil es doch weiterhin bemerkenswert ist, das während der „Finanzkrise“ alle schrien man müsse etwas ändern und sich nichts geändert hat. Man hat weder nachgedacht, noch umgeschwenkt; man hat laut geschrien und dann leise so weiter gemacht wie zu vor. Dabei wäre es ja gar nicht so schwer, wie Heike Makatsch und Jan Josef Liefers vorrechnen.
Achso, sollte jemand dannach gewillt sein: Zur Petitionsunterzeichnung gehts hier lang.

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Bewegen & Beschäftigen Sport

„Viermal gesund unten ankommen“

Es waren tolle olympische Winterspiele, die wir in den letzten 2 ½ Wochen verfolgen durften: Hoch spannende Entscheidungen, wenige hundertstel Sekunden, die zwischen Sieg und Niederlage liegen, sportliche Top-Leistungen. Auch 30 Medaillen für deutsche Athleten können sich sehen lassen. Doch vieles lief völlig schief bei Olympia und die Grenzen des Machbaren wurden endgültig ausgereizt.

„Verdrängung“ meint in der Psychologie ein Abwehrmechanismus des Menschen, durch den dieser (vorübergehend) vergisst, was er nicht wahrhaben will, weil es sein Selbstgefühl stört. Diesen Mechanismus beherrscht jeder Mensch und seit etwa drei Wochen einige der Athleten von Vancouver und Whistler vermutlich besser denn je. Denn von Anfang an waren die Spiele überschattet vom Tod des gerade erst 21-jährigen georgischen Rodlers Nodar Kumaritashwili, der in einem Trainingslauf aus der Bahn geschleudert wurde und mit dem Kopf gegen einen Stahlpfeiler flog. Schon zuvor wurde der Eiskanal von Whistler von Spitzensportlern und Funktionären aus der ganzen Welt stark kritisiert, er sei zu schnell, zu gefährlich, lebensgefährlich. Kumaritashwili hat die Ignoranz der Warnungen mit seinem Leben bezahlt. Jacques Rogge, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), zeigte sich bestürzt: „Die gesamte olympische Familie ist betroffen. Ein junger Athlet hat sein Leben verloren, weil er seiner Leidenschaft nachging.“ Es lässt sich darüber streiten, ob er starb, weil er seiner Leidenschaft nachging. Und nicht deswegen, weil die Grenzen des Machbaren auch für die Spitzensportler der Welt endgültig ausgereizt wurden. Bei aller Betroffenheit und Trauer: Man muss darüber streiten.

Nodar Kumaritashwili
Nodar Kumaritashwili |by marshillonline/ / CC BY 2.0

Immerhin: Die Bahn wurde verändert, verkürzt und entschärft. Gott sei Dank blieb es bei einem Todesfall, doch auch die Stürze in kommenden Rennen im Rodeln und Bobsport sprechen Bände. In Trainingsläufen der Bob-Fahrer kam es schon vor den eigentlichen Wettkämpfen zu acht Stürzen, der Schweizer Beat Hefti zog sich dabei eine Gehirnerschütterung zu und konnte zunächst nicht mehr antreten, auch der Österreicher Duncan Harvey wurde vorübergehend ins Krankenhaus eingeliefert. Abgesehen von etlichen Verbrennungen und Schürfwunden brach sich die deutsche Romy Logsch den Fuß. Der Bob-Weltverband FIBT zeigte die schlechteste aller möglichen Reaktionen: Er verpasste Sportlern und Funktionären einen Maulkorb. Paul Pruszynski, FIBT-Vize-Präsident, drohte mit Sanktionen, sollten diese sich über die lebensgefährliche Bahn äußern. „Lächerlich“ und „ein Witz“, wie der deutsche Direktor des Bob- und Schlittenverbandes Deutschland (BSD) Thomas Schwab es nannte, ist das mindeste Urteil. Auch der deutsche Bobpilot Karl Angerer stürzte: „Diese Bahn ist wirklich brutal schnell. Bei Geschwindigkeiten von 150 Stundenkilometern wird es schon schwierig.“ Wenigstens einer, der sich vom Redeverbot nicht beeindrucken ließ.

Die zweitschlechteste Reaktion kam ebenfalls vom FIBT: Auch eine Häufung von Stürzen sei nichts Ungewöhnliches und das Thema werde übertrieben diskutiert, so FIBT-Sprecher Bob Krone. Was man ja auch daran sehe, dass die Piloten von Anfang volles Risiko gehen. Es scheint doch nicht die ganze olympische Familie betroffen zu sein. Und tote Rodler sind nichts Ungewöhnliches.

Nicht viel anders sieht es im Ski Alpin aus. Im Abfahrtsrennen der Frauen kamen von den 45 Starterinnen gerade mal noch 37 ins Ziel, eine weitere war im Ziel so erledigt, dass sie nicht mal mehr bremsen konnte und unter eine Bande durchrutschte. Jede fünfte stürzte. Dass mal jemand stürzt und sich dabei auch verletzt, passiert nun mal im Sport, auch unter Weltmeistern. Diesem Risiko muss sich jeder, der Sport macht, bewusst sein. Doch neun Stürze und Skifahrerinnen, denen die Sorge, nicht heil unten anzukommen, regelrecht ins Gesicht geschrieben steht, sind zu viel. Auch hier war die Kritik schon vor dem Rennen laut geworden, wurde aber ebenso ignoriert oder verdrängt wie schon beim Whistler Eiskanal.

Da helfen auch die Rechtfertigungsversuche des Direktors der Abfahrt, Atle Skaardal, nicht: „Der Kurs war schwierig, aber er war sicher akzeptabel. […] Die Strecke war heute schneller als erwartet. Es hat über Nacht geregnet und das hat den Kurs vereist.“ Wenn mittlerweile also das Wetter für die Gesundheit der Athleten verantwortlich ist, dann wurde der Bogen überspannt. Wenn nicht, macht Skaardal höchstens dem Name des Zielsprungs „seiner“ Strecke, auf der die meisten mit Tempo 120 stürzten, alle Ehre: Er heißt „Heiße Luft“. Doch auch in diesem Fall wurde der Bogen überspannt.

Und wie gehen die Athleten mit der Gefahr um?

Die Schwedin Anja Paerson, die die „Heiße Luft“ ebenfalls mit voller Härte zu spüren bekommen hatte, machte am nächsten Tag trotz Prellungen und Schmerzen am ganzen Körper einfach weiter – und holte in der Super-Kombination sensationell Bronze.

Der Bobpilot Michael Klingler, der für Liechtenstein antrat und schon von Anfang keiner der Medaillenfavoriten war, setzte sich kurzerhand ein neues Ziel: „Viermal gesund unten ankommen.“

Und der Rodler Felix Loch sowie das deutsche Bob-Talent André Lange üben sich in Verdrängung. Gegenüber dem Spiegel sagte Loch im Interview: „Während des Rennens konnte ich das Unglück glücklicherweise recht gut ausblenden.“ André Lange will sich ebenfalls auf den Sport konzentrieren: „Das mit den Stürzen muss man ausblenden.“

Die Spiele gingen zu weit. Für die englische Zeitung „The Independent“ waren sie schon zu Beginn kein Test der Nerven und der Geschicklichkeit mehr, sondern eine Lotterie mit dem Leben der Sportler. Womit wir fast wieder bei den Olympischen Spielen der Antike angekommen sind. In den klassischen Kampfsportarten wie Boxen, Ringen und Stockfechten mussten die Athleten immer auch mit dem Tod rechnen, wenn sie einen Fehler machten. Heute sind es eben Rodeln und Bob.

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Bei Westerwelle vergeht sogar einem Kabarettisten das Lachen

Nachdem ich dieses Video hier schon einmal verbreitete, es mir mittlerweile fünf mal angeschaut habe und ich es immer noch beeindruckend finde, finde ich es sollte auch hier einen Platz bekommen. [via rivva]

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Schneefall ist ja ungefähr eine Alieninvasion


Zumindest war das der Eindruck, den die Medien vom Killer-, Bibber- oder einfach Winter vermittelten. [via]

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Gesellschaft Politik

Endstation Afghanistan, bitte alles aussteigen!

Ein Aussteigerprogramm für reuige Talibanunterstützer? Ein Ausstieg aus dem Engagement am Hindukush wäre wohl allen Beteiligten lieber, denn der bei der deutschen Bevölkerung äusserst unbeliebte Einsatz zieht sich nun schon seit bald einem Jahrzehnt, hat bisher 33  Bundeswehrsoldaten das Leben gekostet und scheint bis auf eine zeitliche Befriedung einzelner Regionen kaum langfristige Wirkung zu entfalten.

Mit welchen Strategien die NATO-Staaten den Stabilisierungseinsatz auf der anstehenden Konferenz in London zumindest theoretisch noch zu einem Happy End bringen wollen, wird sich zeigen. Der afghanische Vorschlag, einen Re-Integrationsfond für kriegsmüde Taliban und Symphatisanten einzurichten, mit dem unser Aussenminister derzeit durch die Presse geistert, zeigt aber meiner Meinung nach das man mit dem Latein ziemlich am Ende sein muss. Denn so gutgemeint und vernünftig sich eine Resozialisierung Einzelner zunächst auch anhören mag, die Umsetzung dieser Idee dürfte sich schwierig bis unmöglich gestalten.

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Mag man einmal von den immer noch mehr als fraglichen rechtsstaalichen Rahmenbedingungen absehen, wie sollte man den Taliban überhaupt sicher erkennen, wo doch eben dieses Problem schon den militärischen Erfolg bisher merklich erschwert. Warum sollten, in einem Land in dem es wohl nur den wenigsten wirtschaftlich allzu gut geht, ausgerechnet jene „belohnt“ werden die durch Raub, Erpressung oder Mord ihrem Elend zu entfliehen versuchten? Und vor allem, dürfte es in den gewachsenen Stammesgemeinschaften nicht sehr viel schwerer fallen eine neue Identität anzunehmen als in der Anonymität einer westlichen Grossstadt? Bräuchte man nicht auch erst einmal eine halbwegs stabile Gesellschaft in die man sie re-integrieren könnte? Vorallem aber, hat die strenge Auslegung des Islams, wie ihn die Taliban propagieren nicht ein sehr viel breiteres Fundament in der Bevölkerung als bspw. die Ideologie deutscher Rechtsextremisten? Und selbst wenn man wirklich nur harmlose Mitläufer und Sympathisanten damit aussieben wollte, wie sollte man sie verlässlich von den Hardlinern und Mördern unterscheiden? Wie will man sie schützen, wo doch die Schutztruppe schon mit der Sicherheit der eigenen Leute oftmals mehr als ausgelastet ist?

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(Gedenkstein zur ersten Afghanistankonferenz in Königswinter)

Aber bisher ist dieser Vorschlag ohnehin nicht viel mehr als eine Idee unter vielen, von denen wohl nur die Aufstockung der Truppenstärke als gesichert angesehen werden kann. Bleibt zu hoffen das die beteiligten Mächte sich in London noch auf ein paar bessere Strategien einigen können, die dem vom Krieg tief zerfurchten Land eine realistische Perspektive für eine stabile Zukunft bieten. Sicher wird es auch mit den besten Plänen noch einige Jahrzehnte dauern, bis sich in Afghanistan die Freiheit etablieren wird, mit deren Ideal der Einsatz einst gerechtfertigt wurde. Ob aber das sich abzeichnende Auffahren eines Grossaufgebotes an Menschen und Material einen verantwortungsvollen Abzug in den nächsten jahren wirklich beschleunigt, oder nur ein verzweifeltes Aufbäumen vorm verschämten Hinausstehlen ist, bleibt abzuwarten.

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Politik Video

Ach du Scheiße: Oettinger schwätzt englisch.

Sorry, mir fällt dazu auch nichts mehr ein. Kein bissiger Kommentar, von wegen „Wir können alles, außer englisch.“, nein. Ich bin einfach sprachlos…

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Flimmern & Sehen Gesellschaft Video

Porno under Pressure: Nichts Neues im Nacktprogramm?

Der Elektrischer Reporter über „Erwachsenenunterhaltung: Nichts Neues im Nacktprogramm?“. Die Pornoindustrie konnte durch das Internet zunächst neue Vertriebswege erschließen, nun bedroht das „Mitmachweb“ die bisherigen Strukturen.