Tag Archive | "netzsperren"

Tags: , , , ,

Überschätzt sich das Internet?

Posted on 20 Juni 2009 by Pell

In den letzten Wochen kämpfte das Internet gegen ein Gesetz, das in vielerlei Hinsicht Zweifel aufkommen lässt. Teils mit großer Energie, klaren Begründungen und interessanten Erfolgen, teils mit populistischem Wahn und fanatischem Druck. Eine Ministerin hat nun einen historischen Beinamen erhalten, einige Änderungen am Gesetzesentwurf wurden vorgenommen und trotzdem scheiterte der Aktionismus letztendlich.

Und doch feiert man sich an vielen Stellen selbst, sich und das Internet, sich und „die Community“, sich und die Zusammenarbeit – sich und die Erfolgslosigkeit? Man kann sich darüber freuen, dass so viele Menschen mobilisiert werden konnten, die Mahnwache schnell ihre Mitglieder fand, gleichzeitig auch, dass eine Petition in wenigen Wochen über 100.000 Menschen gewinnen konnte. Auch zeigte das Netz durchaus politisch zu sein, sofern es betroffen ist. Lob an dieser Stelle ist sicher berechtigt, aber von besonderem Stolz kann auch hier nicht gesprochen werden. Wieviele Politiker äußerten sich wirklich zu der Kritik in den ganzen Blogs? Hat die Petition jemals starke Erwähnung gefunden? Wer las all die Mühen, bis auf die Schaffenden selbst?

Wenn sich die SPD für das Gesetz entschloss, um reisserischen Überschriften zu entkommen, kann der große Aktionismus der Internetcommunity doch wirklich nicht nur gefeiert werden. Wo blieben die relevanten Schritte der großen Alphatiere, die sich sichtlich bemühten, aber doch keinen Eindruck in der Politik hinterließen? Wieso schaffte es niemand, sich vor die Fernsehkameras einer Polittalkschow zu stellen? Wo Medieninkompetenz gegenüber der einen Seite laut wird, fragt man sich zuweilen, ob man im Internet nicht zu sehr vom eigenen Medium überzeugt zu sein scheint. Während man über Blogs, Twitter und Foren auf sich aufmerksam machen konnte, war es der SPD dennoch wichtiger, die Menschen, die nicht so stark im Internet zu finden sind, nicht als Wähler zu verlieren.

Obwohl also „Zensursula“ für jeden informierten Internetnutzer ein Begriff ist, verschlossen sich die Mainstream-Medien vor der Berichterstattung. Natürlich kann man nun mit dem Finger zeigen und die blinden großen Tiere beschuldigen oder sich an die eigene Nase fassen und diese Niederlage vielleicht als kleinen Appell sehen, der doch in klarer Linie aussagt, dass man über den Tellerrand zu schauen hat, wenn man mehr als die ohnehin schon überzeugte Gemeinschaft auf die eigene Seite ziehen will.

Das Internet, das in den letzten Wochen stark von einem „wir“ sprach, sollte sich nun noch verstärkt um den Traum bemühen, statt selbstverliebt und unbeholfen den eigenen Aktionismus hochzuloben, wenn es nicht wie die heulenden Fans der deutschen Nationalelf nach der Weltmeisterschaft 2006 klingen möchte, die bis heute von ihrem Weltmeister der Herzen schwärmen, weil die Realität zu schmerzhaft ist. Es ist in jedem nur erdenklichen Ermessen traurig, im großen Umfang ignoriert zu werden, doch dem Grundgesetz hinterher zu winken, wie es an vielerorts geschieht, wird am großen Aspekt nicht viel ändern. Die Internetgemeinschaft wäre gut beraten, weiter festzuhalten, die Verfassungsklage einzureichen und mit Präsenz in den großen Medien für mehr Aufmerksamkeit zu kämpfen. Die andere Option ist in den Keller der Generation 64 zu gehen und mit der Trägheit seit dem Ergebnis fortzufahren, dann aber, ist das Ziel mehr als verfehlt.

Foto unter CC, flickr, Euphoriefetzen.

Comments (11)

Tags: , , ,

Das Internet ist sauer!

Posted on 19 Juni 2009 by Jannis Kucharz

Bis vor kurzem hielt ich es mit Christian Stöcker, der meinte “Das Internet gibt es nicht” und damit glücklicherweise auf eine mangelnde Differenzierung innerhalb der Debatte rund um das Mitmach-Netz aufmerksam machte.
Doch wenn man sich jetzt so umschaut, könnte man tatsächlich meinen, dass das gesamte deutsche Netz aufbegehrt.

Was ist geschehen? Nun gestern Abend beschloss der deutsche Bundestag das Gesetz zur “Bekämpfung der Kinderpornographie Kommunikationsnetzen.” Gegen diesen Vorschlag hatte es massiven Protest in Blogs und auf Twitter gegeben. Auch hier auf netzfeuilleton.de haben wir den Weg begleitet:

Doch das Gesetz wurden, obwohl es zahlreiche Bedenken & Argumente dagegen gab, Frau von der Leyen der Lüge überführt wurde und die erfolgreichste Petition aller Zeiten eingereicht wurde, beschlossen.
Richtete sich der Zorn anfangs vor allem gegen die SPD. Weitet er sich nun auf die gesamte Politik aus.

Während Handelsblatt-Blogger Thomas Knüwer die Politik wiederholt davor mahnt eine ganze Generation1 und zu verlieren, benennet Anke Gröner den letzten Tag,“an dem ich an die freiheitliche Grundordnung, mit der ich aufgewachsen bin, glauben kann.”.  Frank Helmschrott macht sich für eine Abwahl der herrschenden Mächte stark und das Blog “Wir sind das Volk” kündigt an: “Wir werden Euch zeigen, was wir von Eurer Politik halten

Noch weiter geht das Nerdcoreblog. Dort erklärt René die Unabhängigkeit des Internets von der Politik und bennet die Zahl von 500.000 Multiplikatoren, Tendenz steigend, die Politik nun gegen sich hat.

Ein Protestsong scheint auch schon gefunden:

Er beendete seinen Eintrag mit folgender Drohung aus dem Dunstkreis der Anonymous-Bewegung:

We are Anonymous.
We are Legion.
We do not forgive.
We do not forget.
We will be heard.

Expect us.

Wie sich dieser Zorn weiter entwickeln wird, und was er für Auswirkungen haben wird, muss sich noch zeigen. Wird wirklich die gesamte Politik verlieren, oder wird zum Beispiel die netznahe Piratenpartei von der Aufregung profitieren können? Wird das Netz sich noch weiter politisieren und eine noch stärkere Aufklärungsfunktion übernehmen?

Das wird nicht plötzlich geschehen, aber klar ist, wir befinden uns mitten in einem gesellschaftlichen Umbruch.

UPDATE: Als #Zensursula-hymne zeichnet sich nun doch ein anderer Song ab: “Zensi – Zensa- Zensursula”. Es sei aber vorgewarnt: Der Song ist etwas eigenwillig.

Von KelsRobVegas

  1. Der Spiegel bezeichnet sie als “Generation C64″, vergisst damit aber die jüngeren, ab massiv nachwachsenden “Digital Natives” []

Comments (8)

Tags: , ,

Die SPD wird zum Buhmann – zu Recht?

Posted on 18 Juni 2009 by Pell

Die SPD hat sich heute zum großen Teil für die Sperrung von kinderpornographischen Inhalten im deutschen Internet ausgesprochen. Verständliche Empörung aus Teilen der Partei, so wie weitläufig im Netz zeichnen jedoch ein zu emotionales Bild der eigentlichen Tatsachen, denn hinter den Kulissen war man fast schon gezwungen, zuzustimmen.

Betrachtet man die letzten Stufen der SPD, so trifft es das Wort „Scheitern“ sehr treffend. Verlorene Landtagswahlen, Wählerrückgänge und die jüngsten Werte bei der Europawahl zeichnen ein tragisches Bild der Sozialdemokraten. Statt im Wahljahr 2009 weisende Akzente zu setzen, verliert man sich immer mehr in den eigenen Reihen und wird mit durchgehender Skeptik betrachtet. Da kann die gefeierte Steinmeier Rede gerade noch etwas Widerstand in der Gesamtbillanz leisten, denn jeder Wähler ist notwendig, um das sinkende Schiff doch noch zum Hafen zu befördern. Aus moralischer Sicht war es ein absurder Akt, den Netzsperren zuzustimmen, aus Sicht der Erfolgschancen aber wohl nicht abwegig genug, um ihn auszuschlagen.

Im großen Stil werden die wenigsten Bürger über die Netzsperren und die tatsächlichen Kritikpunkte an dem System informiert sein, was sich im Wahlkampf problematisch entwickeln könnte. Begriffe wie „Mindestlohn“, „Bildungsreform“ und „Kinderpornographie“ sind klare Ausdrücke mit einer anfänglichen Assoziation, die die Masse teilt, weil sie sich nicht damit auseinandersetzt. Wie stark hätte es aus der Opposition geheißen, dass die SPD Kinder weiter leiden ließe und sich nicht um dieses Thema bemühe. Scharfe Worte, klare Meinungsbildung ohne Tendenz zur Richtigstellung, denn es braucht viel Energie, zu erklären, inwieweit solche Behauptungen stimmen.

Trotz aller Schlussfolgerung darf man einer Genugtuung nicht zu sehr die Hand reichen, denn Teile der SPD klangen sehr überzeugt von den Plänen der Familienministerin. So scheint Martin Dörmann keinen großen Zweifel an den Ideen zu haben und wies sie in der heutigen Bundestagsabstimmung konsequent ab, versprechend alle Gegenargumente zu widerlegen, was er jedoch nicht im Ansatz halten konnte. Der Kritik vom Kollegen Jörg Tauss enthielt er sich während seiner Rede vorerst und verdeutlichte damit wieder einmal klare Unstimmigkeiten in der Partei.

Man darf die Aktion der SPD kritisch betrachten, sollte aber objektiver verstehen lernen, dass dieser Schritt vielleicht im großen Pensum bis auf einen moralischen Schaden bei Wählern, die sich mit dem Thema auseinandersetzten, keine großes Gewicht hat. Es ist tragisch, dass sich die Politik nun statt logisch zu argumentieren, lieber mit paradoxen Aussagen positiv zu dem Thema äußerte, um die Wähler noch leicht abzugreifen. Die SPD verlor heute sicher einige Wähler, hätte mit einer Ablehnung des Gesetzes aber vielleicht noch viele mehr verloren. Klar ist jedoch, dass ihre Glaubwürdigkeit in Frage zu stellen ist, gemeinsam mit den Grundsätzen und allen Phrasen. Schön formuliert vom Onlinewahlkampfteam, das sich mit der Gesetzesverabschiedung von der Arbeit zurückzog: “Wer dagegen heute aus der SPD für diesen Gesetzentwurf stimmt, entscheidet sich gegen seine Online-Gefolgschaft. Selbst dann, wenn Eure Zustimmung aus der Sorge heraus geschieht, nicht als Fürsprecher für strafbare Inhalte verunglimpft werden zu wollen,  so tauscht ihr damit die begrenzte Gefahr einer negativen BILD-Schlagzeile mit der unbegrenzten Gefahr des Verlustes der Glaubwürdigkeit bei einer ganzen Generation.”

Comments (3)

Tags: , ,

Wer hat uns verraten?

Posted on 16 Juni 2009 by Jannis Kucharz


Die SPD hat dem Gesetz für Internetsperren zu gestimmt.

Comments (2)

Tags: , , , , ,

Ein Missbrauchsopfer spricht – Teil 2

Posted on 02 Juni 2009 by Pell

Tobias L.* wurde in seiner Kindheit regelmäßig vom eigenen Vater sexuell missbraucht und auch dabei gefilmt. Heute versucht der 22-jährige Informatik- und Jurastudent mithilfe einer Therapie mit seiner Vergangenheit umzugehen. Nach dem ersten Teil über die Netzsperren gegen pornographische Inhalte mit Kindern, erzählt Tobias L. heute über den Missbrauch selbst und wie die Gesellschaft mit diesem Tabuthema umgeht.

Netzfeuilleton: Was kann die Gesellschaft gegen Missbrauch tun?

Tobias L.: Oftmals sehen Verwandte und Bekannte nur zu, wenn soetwas in Familien geschieht. Genauso dürften auch Lehrern und anderen Menschen Flecken, u.s.w. auffallen, wenn es regelmäßig geschieht. Nur machen die wenigsten etwas, vielleicht aus Angst, aus Desinteresse oder weil sie sich auch täuschen könnten. Die Gesellschaft muss endlich aufwachen. Das sind Menschen, die gezwungen werden, Sex zu haben. Das ist Vergewaltigung. Das sind Traumatisierungen. Davon kommen die meisten nie wieder los.

Netzfeuilleton: Wie gehen sie heute damit um?

Tobias L.: Ich bin seit mehreren Jahren in Therapie und ich denke, dass sich das vorerst auch nicht ändern wird.

Netzfeuilleton: Wie darf man sich eine solche Therapie vorstellen?

Tobias L.: Eine Therapie ist nach einer psychischen Diagnose eine Möglichkeit, diese Sachen aufzuarbeiten. Langsam in die Vergangenheit zurückzureisen, um diese Sachen nicht auf ewig in sich selbst zu verschließen.

Netzfeuilleton: Wann wandten Sie sich zum ersten Mal an eine professionelle Stelle?

Tobias L.: Das war mit 17. Davor war das Thema nie aus mir herausgekommen.

Netzfeuilleton: Sie schwiegen also die ganze Zeit?

Tobias L.: Ich hatte damals, als es passierte, nicht geschafft es jemandem zu sagen. Erst als ich älter wurde, wollte ich damit umgehen lernen.

Netzfeuilleton: Wie kam es zu diesem Schluss?

Tobias L.: Als es passierte – ich war ungefähr 5 oder 6 – verstand ich nicht wirklich, was es war. Mein Vater sagte, dass Jungs das so machen. Ich weinte, weil es weh tat und weil ich es nicht wollte. Ich fühlte mich eklig. Widerte mich vor mir sich. Aber er schaffte es, mir so eine Angst einzujagen. Ich konnte es niemandem sagen. Auch weil ich das Gefühl hatte, dass es so viele wussten. Er filmte es ja auch manchmal. Er machte Fotos und sowas machten wir eigentlich immer an feierlichen Tagen. Ich assoziierte Fotos und Kamera immer mit Ereignissen, die zu feiern wären. Wenn das falsch gewesen wäre, dachte ich, hätten Verwandte dann ja reagieren müssen.

Netzfeuilleton: Wissen Sie, was mit diesem Filmmaterial geschah?

Tobias L.: Er schaute es sich manchmal nachts an. Das bekam ich am Rande mit, aber ich weiß nicht, ob das noch jemand sah.

Netzfeuilleton: Wann verstanden Sie, was da geschah?

Tobias L.: Als ich älter wurde und die Aufklärung langsam losging Aber da war das auch alles schon vorbei. Als Sex langsam ein Thema wurde, kapierte ich erst richtig, was das war. Was passiert war.

Netzfeuilleton: Wie war die nachfolgende Zeit?

Tobias L.: Ich zog mich weiter in mich zurück. Schrieb schlechte Noten. Meine Mutter wusste nicht, was sie machen sollte. Schließlich wurde ich auf ein Heim geschickt.

Netzfeuilleton: Wusste Sie davon?

Tobias L.: Ich weiß es nicht. Als mein Vater starb, musste ich bei ihr einziehen. Zwar hatte das dann ein Ende, aber ich konnte ja nicht darüber reden.

Netzfeuilleton: Als sie langsam verstanden, was vorgefallen war, hätten Sie dann nicht etwas sagen können?

Tobias L.: Nein. Ich konnte nicht, es ist schwer, sich auszudrücken. Es ist schwer, Dinge auszusprechen, die tief drinnen sind.

Netzfeuilleton: Was hätte Ihnen damals geholfen?

Tobias L.: Meine Mutter hätte mich nicht wegschicken dürfen.

Netzfeuilleton: Wie stehen Sie heute zu Ihrer Mutter?

Tobias L.: Das Verhältnis ist nicht gut.

Netzfeuilleton: Wie darf man sich Ihre Reaktion auf den Tod ihres Vaters vorstellen?

Tobias L.: Das klingt jetzt komisch, aber ich weinte. Ich war traurig. Es ist das passiert, ja, es war schrecklich. Aber wir hatten ja auch schöne Zeiten. Er war mein Vater, ich liebte ihn. Er war ein toller Mensch, wenn man so will.

Netzfeuilleton: Ist diese doch enge und vielleicht auch sonst gute Beziehung auch ein Grund dafür, dass man das nicht einfach so aussprechen kann?

Tobias L.: Ja, noch heute fühle ich mich teilweise wie ein Verräter.

Netzfeuilleton: Woher kommt dieser Gedanke?

Tobias L.: Ich kann nach langer Therapie jetzt deutlich sagen, dass ich das nicht verdient habe. Dass er sich falsch verhielt. Anfangs ist das anders. Man ist als kleines Kind mit diesem Schicksal alleine, niemand hilft einem. Man kommt nicht damit klar, dass es passiert ist, wenn man es wirklich realisiert und so fühlt man sich schuldig. Als sei man zu nichts besserem gut. Wieso wäre es sonst passiert? Solche Fragen.

Netzfeuilleton: Ist es für Sie überhaupt möglich, eine normale partnerschaftliche Beziehung zu führen?

Tobias L.: Da gehört eine Menge Vertrauen dazu. Es gibt schwierige Momente, sehr sensible. Da braucht man den richtigen Partner, der sich darauf einstellen kann. Es ist schwierig, aber ich bin auch vergeben und fühle mich da auch geborgen und verstanden.

Netzfeuilleton: Falls man auf der Ebene fragen darf: Wie ist das mit Sex?

Tobias L.: Es kostete mich Überwindung und es begann auch erst nach einer langen Zeit, in der wir schon glücklich zusammen waren. Es ist schwer dieses Ekelgefühl zu verbannen. Es kommt immer wieder. Damit auch Erinnerungen, dann gibt es auch Flashbacks.

Netzfeuilleton: Wie würden Sie einen Flashback beschreiben?

Tobias L.: Es ist eine Erinnerung, manchmal nur eine Erinnerung. Manchmal wirkliche Bilder, dann spielt sich alles wie ein Film ab oder es ist so stark, dass ich nicht mehr in der Realität bin.

Netzfeuilleton: Gibt es Auslöser dafür?

Tobias L.: Ja, aber oft kommen sie von selbst. Aber manchmal sind es auch bestimmte Sachen, wie beispielsweise ein Bild, ein Text, eine Kamera.

Netzfeuilleton: Wie fühlt es sich an, hier darüber zu sprechen?

Tobias L.: Es ist nicht einfach. Aber ich will, dass mehr Menschen davon erfahren, auch wissen, wie das ist. Dass man nicht zu sehen darf.

Netzfeuilleton: Was raten Sie Menschen, die es sehen?

Tobias L.: Handeln. Sofort zur Polizei, man rettet damit ein Leben. Nicht zu sehen, nicht die Augen versperren, nicht so tun, als sei nichts gewesen. Nicht so tun, als sei das nicht von Interesse.

Netzfeuilleton: Was raten Sie Opfern?

Tobias L.: Sie sollen sich an jemanden wenden. Es aussprechen. Es nicht weiter in sich hineinfressen.

Netzfeuilleton: Sie studieren Jura. Hätten Sie sich einen Prozess gewünscht?

Tobias L.: Das weiß ich nicht. Ich habe oft darüber nachgedacht. Aber es ist nicht mehr möglich. Außerdem ist das mein Vater. Ich weiß es nicht.

Netzfeuilleton: Was möchten Sie als Schlusswort zum Thema Kindesmissbrauch und dieser Debatte festhalten?

Tobias L.: Hört auf die Augen zu verschließen und meldet sowas. Bietet Therapien an, meinetwegen auch für die Täter, aber unbedingt für die Opfer. Hört auf das Thema zu tabuisieren. Hört auf es mit Pseudomaßnahmen zu rechtfertigen. Hört auf zu sperren und fangt endlich an, zu löschen.

Netzfeuilleton: Vielen Dank für das sehr intensive und intime Gespräch, Herr L..

Den 1. Teil des Interviews lesen.

mehr…

Foto: Flickr unter CC von striatic.

*Name von uns geändert.

Comments (4)

Tags: , , , , ,

Ein Missbrauchsopfer spricht – Teil 1

Posted on 01 Juni 2009 by Pell

Tobias L.* wurde in seiner Kindheit regelmäßig vom eigenen Vater sexuell missbraucht und auch dabei gefilmt. Heute versucht der 22-jährige Informatik- und Jurastudent mithilfe einer Therapie mit seiner Vergangenheit umzugehen. Als Opfer spricht er im ersten Teil des Interviews über die Maßnahmen von Ursula von der Leyen.
Im zweiten Teil erzählt Tobias L. über seine Vergangenheit und die Gesellschaft.

Netzfeuilleton: Ursula von der Leyen möchte Pornographie mit Kindern aus dem Netz verbannen. Der lang ersehnte Erfolg für Opfer wie sie?

Tobias L.: Wenn Sie den Inhalt wirklich verbannen würde, hätte ich ihr die Füße geküsst. Alles was sie macht, ist die Tür zuzusperren und den Konsumenten zu verdeutlichen, dass sie den offenen Hintereingang benutzen sollen.

Netzfeuilleton: Ein Hintereingang, den nur 20% der Konsumenten kennen, wie die Familienministerin immer wieder betont.

Tobias L.: Mittlerweile sollte auch sie verstanden haben, dass eine solche Umgehung wirklich ein Kinderspiel ist. Man kann ja sagen, okay ein paar verschreckt es, ein paar sehen, dass es illegal ist und verlassen die Seite sofort wieder, aber der Rest kommt eh wieder drann.

Netzfeuilleton: Wieso hält man bei der CDU weiterhin an dieser Erfolgsquote fest?

Tobias L.: Wahrscheinlich will man das Gesicht nicht verlieren. Es ist ja auch so, dass die Debatte vor der Wahl stattfindet. Die Ausmaße waren aber auch vor fünf Jahren schlimm. Wenn alle Experten meinen, dass es wenig Sinn macht, dann ist das pure Ignoranz. Eigentlich hat noch nie eine Maßnahme gegen die Netzuser geholfen. Musik wird heute immer noch heruntergeladen, trotz DRM.

Netzfeuilleton: Sie meinen, es sei generell nicht möglich, dagegen zu handeln?

Tobias L.: Es ist wohl unmöglich, alles aus dem Internet zu entfernen, aber in dem man solchen Inhalt löscht, können auch weniger Menschen an das Material kommen. Alles andere lässt sich technisch knacken.

Netzfeuilleton: Wieso will die Politik nur sperren und nicht löschen?

Tobias L.: Das weiß ich nicht. Das Argument mit den Servern ist ja schon mal ausgefallen.

Netzfeuilleton: Tatsächlich befindet sich ein Teil des Inhalts selbst auf deutschen Servern, ein anderer großer in Staaten, in denen eine ähnlich westliche Gesetzeslage herrscht. Wieso agiert die Regierung nicht auf diese Weise?

Tobias L.: Ich weiß es nicht. Sperren haben eine Multifunktion. Man kann alles mögliche sperren, was man nicht einfach so löschen könnte. Dokumentierte Kindesmisshandlung ist wohl nur der Vorwand.

Netzfeuilleton: Unterstellen Sie Ursula von der Leyen, die Opfer nur als Täuschung einer großspurigen Zensur zu verwenden?

Tobias L.: Ich unterstelle das nicht ihr. Ich sage aber, dass es Teile der Regierung sicher sehr attraktiv fänden, das Gesetz zu missbrauchen. Das BKA-Gesetz von Schäuble sollte auch immer erweitert werden. Wenn einige hohe Tiere nun auch eine politische Seite für alle unzugänglich machen wollen, dann wird das BKA sicher nicht dagegen sturm laufen. Dann folgt die nächste und nächste. Die Sperren in anderen Ländern beweisen das doch.

Netzfeuilleton: Was sollte die Regierung Ihrer Meinung nach tun?

Tobias L.: Sie sollte die deutschen Inhalte sofort löschen, mit den anderen Staaten in Kontakt kommen und auch dort Löschungen vornehmen. Es ist ja nicht so, dass in vielen dieser Staaten Kindesmisshandlung erlaubt wäre. Wo ist deren Problem? Mit der Energie, mit der diese ganze Debatte stumpf ignorant geführt wird, könnten sie auch mehr gegen das wirkliche Problem machen. Wenn wir Altnazis aufspüren können, dann werden wir es ja wohl noch hinkriegen, einem Serverbetreiber zu vermitteln, dass er so einen Dreck zu löschen hat.

Netzfeuilleton: Wie war ihre erste Reaktion, als sie von diesem Gesetzesentwurf hörten?

Tobias L.: Ich war sofort dafür. Aber bei näherer Betrachtung war mir klar, dass das nur ein weiterer Versuch ist, die Wähler um den Finger zu wickeln.

Netzfeuilleton: Wie fühlten Sie sich in Verbindung mit ihrer Vergangenheit?

Tobias L.: Ich fühle mich als politisches Instrument missbraucht. Ich soll ungefragt als Beispiel herhalten. Das ist so dämlich, eine Gruppe von Menschen ohne nähere Nachfrage für irgendwelche Zwecke zu verwenden, ohne deren Interessen zu vertreten, geschweige denn anzuhören.

Netzfeuilleton: Was könnte die Regierung richtig machen, abseits von der Löschung des Inhalts?

Tobias L.: Sie sollte im Internet Möglichkeiten bereit stellen, die Polizei sofort über solche Seiten zu benachrichtigen. Wenn man auf sowas stößt, sollte es wenige Mausklicks dauern, um das an die nötigen Stellen weiterzuleiten.

Netzfeuilleton: Könnte man als Melder nicht befürchten, selbst zum Verdächtigen zu werden?

Tobias L.: User als Kriminielle zu sehen, ja das klingt ziemlich üblich.

Im 2. Teil,  erzählt Tobias L. über seine Vergangenheit und die Gesellschaft.


mehr…

Foto: Flickr unter CC von tanakawho (slowly recovering).

*Name von uns geändert.

Comments (8)

Advertise Here
Advertise Here

Blogroll

Morgenlinks