Ein Konsument von Pornographie mit Kindern spricht

Posted on 28 Mai 2009 by Pell

David S.* konsumierte jahrelang Pornographie. Von Tag zu Tag musste das Material härter werden. Irgendwann stieß er auf Filme, in denen Kinder zu sexuellen Handlungen gezwungen wurden. Zwischen Ekel und Erregung verlor sich der heute 54-jährige in einer anderen Realität. Erst als er im Begriff war, selbst zum Täter zu werden, wusste er, dass er Hilfe brauchte.

Abends verbringt David S. seine Stunden mit einem Krimi oder spielt mit seinem Hund. Vor sechs Jahren war das noch anders. Da wurde der ehemalige Baustoffprüfer vom einen auf den anderen Tag entlassen. Der Beginn einer störrischen Phase aus Stimmungsschwankungen und Existenzzweifeln. Er wusste nichts mehr mit sich anzufangen, sein letztes Standbein war begraben. Nachdem ihn seine Frau einige Jahre zuvor verlassen hatte, blieb der Beruf sein einziges soziales Fundament und damit sein letzter Pfeiler in der Wirklichkeit. Denn aus der entzog er sich langsam – mithilfe von Pornographie.

Immer stärkere Dosis

Anfangs sah er sich gelegentlich einen Film in der Woche an. „Softpornos“, wie er sagt. Relativ glaubwürdige Aufnahmen vom Geschlechtsakt. Doch als sich der Konsum summierte und aus Wochen Tage wurden, stiegen auch die Erwartungen an die Filme. „Irgendwann brauchte ich Abwechslung. Es wurde langweilig. Je anders, perverser desto besser.“ Vom Anal- zum Gruppensex wuchs der Wunsch der Begierde und damit eine abhängiges Verhältnis. Irgendwann sah er sich täglich mehr als ein dutzend Filme an. Seine Vorlieben veränderten sich stetig. Nach anfänglicher Erregung brauchte jedes Genre eine neue Konkurrenz, weil die Befriedigung sonst nicht mehr eintraf. Es dauerte nicht lange, bis er alle möglichen Sparten kannte. Je mehr er brauchte, desto skuriler wurden die Vorlieben. Exkrementophilie, Mukophagie, Nekrophilie, Zoophilie. „Das Internet gibt alles her. Wer sucht, der findet. Ich war überrascht, was für abartige Dinge irgendwelche Leute ins Netz stellten. Aber ich sah sie mir an.“

Als die Filme Überhand nahmen, zog sich der Frührentner immer weiter in sich zurück. Selbst der Kontakt zu seinen beiden Kindern, die er bis da an regelmäßig sah, wurde seltener bis er ganz abbrach. Mit dieser neuen Realität wuchs das eigene Misstrauen. So versuchte er mehrmals durch ehrenamtliche Arbeit in die Gesellschaft zurückzufinden, doch es war ihm nicht möglich, das Verhalten aus seinem Leben zu verbannen. Er sah immer mehr und kam irgendwann an verbotenes Material. „Sex mit Tieren war der Anfang. Dann irgendwann Clips in denen Frauen oder Männer vergewaltigt wurden.“ Neben dem suchtartigen Verlangen wuchsen auch Schuld- und Ekelgefühle gegenüber sich selbst und den abgebildeten Menschen. „Oft sagte ich mir, das wäre nicht echt. Das ist keine Vergewaltigung. Wer würde sich sowas ansehen. Aber innerlich war mir klar, dass da gerade vor meinen Augen jemand vergewaltigt wird.“ Wohlwissend, dass er Menschen beim gezwungenen Sex ansah, wohlmöglich den Grundstein vieler Traumatisierungen mitverfolgte, fühlte er sich oft selbst wie ein Täter. „Manchmal hatte ich das Gefühl, das zu machen. Ich onannierte dannach. Das war, wie es selbst zu tun.“

Nicht alleine sein

Mit neuen Fetischen kam er langsam in neue Kreise, die vor keinem Tabu Halt machten. In Communitys fand er Gleichgesinnte, mit denen man die Filme austauschte. „Das waren keine Freunde. Man half sich nur gegenseitig und ritt sich gemeinsam tief in die Scheiße.“ Viele waren in einer ähnlichen Lage wie er, doch auch Menschen mitten im Leben – darunter auch Teenager –tummelten sich in den Foren. „Man sagte zwar nicht, wie alt man war. Aber man konnte das schon rauslesen.“ Die meisten Inhalte werden dabei auf Oneclick-Hostern wie Rapidshare oder Megaload hochgeladen und den anderen dann zum Download angeboten. Wer viel hochlädt, macht sich innerhalb der Gruppe einen Namen. Von solchen Hierarchien in der Netzwelt wird gerne abfällig berichtet, sind sie doch nicht anders als gesellschaftliche Strukturen in der „echten Welt“. Dennoch vergleicht David S. sie nicht mit herkömmlichen Internetgemeinschaften. Seit den Anfangszeiten in den frühen Neunzigern surft er schon. Die Atmosphäre auf solchen Boards sei eine andere. Man wolle schnell ans Ziel kommen, schnell zur Erregung. „Dennoch war es irgendwie erleichternd zu wissen, dass man nicht der einzige war, der sich sowas ansah.“

Nach einem Jahr stieß er dann zufällig auf ein Board, das Bilder und Videos von misshandelten Kindern zum Thema hatte. Seine Skepsis hatte hier eine Grenze. Er erinnert sich noch daran, schnell das Fenster gechlossen zu haben. Doch als die Filme wieder langweiliger wurden, traute er sich zurück und lud das erste mal einen solchen Streifen herunter. „So sehr, wie ich mich hasste, war ich schnell drauf und drann, den nächsten herunterzuladen.“ Irgendwann verirrte er sich auf keine anderen Seiten mehr und konsumierte nur noch hauptsächlich Pornographie, in denen Minderjährige unfreiwillig mitspielten. „Es hatte etwas anziehendes und ich fühlte mich wie ein Monster, brauchte es aber.“

Extreme Schuldgefühle

Seine neue Entdeckung isolierte ihn noch viel weiter. Seine Schuldgefühle wurden immer größer. Genauso wie sein Verlangen. Seine Versuche diese zu bewältigen und zu kompensieren, waren selbstdestruktiver Natur, konnten ihm aber langfristig nicht helfen. Selbstverletzendes Verhalten war eine seiner Methoden. „Ich begann mich nach jedem Video selbstzuverletzen. Ich hatte es nicht anders verdient, dachte ich. Ich schnitt mir den Arm blutig. Dann war die Last kurzzeitig weg.“ Später folgte auch ein Selbstmordversuch, den er nur knapp überlebte. „Manchmal wünsche ich mir noch, draufgegangen zu sein.“

Er wusste, was er da tat. Da ist sich David S. sicher. Obwohl er die Wirklichkeit lange verlassen hatte, wusste er genau, was er sich ansah, nur fasste er es nicht. Den meisten anderen Usern in den Communitys ging es nicht anders. „In anderen Foren machte man abfällige Kommentare. ‘Geil’ und sowas. Doch da herrschte ein relativ nervöser Ton. Es gab nur wenige, die sagten, was wir fühlten. Zumindest so lang wir es genossen.“ Das gemeinsame Geheimnis war ein dreckiges. Wusste doch ein jeder, wie es sich anfühlte und nur die Wenigsten konnten es aus ihrem Gewissen verbannen.

Kindermissbrauch per Post

Die meisten neuen Filme erhielt David S. irgendwann nur noch per Post. Im Usenet und einigen gut abgekapselten Foren verkauften einige User neue Filme. Meist mit Vorschaubildern versehen, bezahlte man alles halbwegs anonym per Paypal, E-Gold oder Kreditkarte. Manche verkauften ihre Einkäufe weiter, andere prahlten mit dem, was sie den Kindern dort antaten. „Es gab einige wirkliche Vergewaltiger, die die Sachen in kurzen Zeitabständen anboten. Es waren oft die selben Kinder. Ihre Gesichter holten mich jede Nacht ein. Da zerstörte jemand ihr Leben und ich unterstützte es.“ Mit Peinlichkeit holte er seine Post. Ständig fühlte er sich beobachtet, als wüssten alle, was sich im braunen Briefcover befände. In Anwesenheit junger Kinder wurde ihm heiß, er schwitzte und bekam kleine Panikattacken. „Ich hatte das Gefühl, sie starren mich an. Als ob sie Engel wären, die Gott geschickt hat, um mich zu bestrafen.“

Selber zum Täter werden

Obwohl David S. immerzu zwischen den Extremen der Erregung und Schuld lebte, wuchs in ihm das Verlangen sein Sehen auch in Handeln umzusetzen. „Ich spürte das. Ich nahm es nicht ernst. Irgendwann wurde es so real. Der Gedanke war entschlossen.“ Er wollte Urlaub in einem anderen Land machen. Wo will er uns nicht sagen. In den Foren gibt es Auskunft über Vermittler, Menschenhändler, Kinderprostitution. „Jeder konnte im Grunde mit einem Flugzeugticket zum Täter werden. Der Übergang war einfach. Man konnte so leicht, das Leben eines anderen zerstören.“ Er buchte sein Ticket.

Doch David S. flog nicht. Er ging in die psychische Krisenintervention und ließ sich dann acht Monate in einer Klinik behandeln. Später folgte eine Therapie, die er noch heute regelmäßig bersucht. „Ich wachte auf und spürte, was geworden war. Das sind Kinder. Ich war selbst mal ein Kind.“ Er hätte beinahe den Schritt gewagt, entschied sich aber für den Ausstieg. Ein langer Weg, der einige Rückfälle zur Folge hatte. Zwischendurch versuchte er es wieder mit einfacher Pornographie, doch der Druck wurde größer. „Wer aufhören will, der muss konsequent nein sagen. Wie bei jeder Sucht, wie bei Drogen. Wer nicht mehr trinken will, der muss es ganz lassen.“

Heute lebt David S. ein geregelteres Leben. Neben seiner Therapie engagiert er sich ehrenamtlich bei einem Verein. Dennoch verfolgt ihn manchmal die Erfahrung alter Tage. Erinnerungen und Panikattacken folgen einige Male im Monat und auch der Selbstverletzung verfällt er häufig. Von den Sperrungen von Ursula von der Leyen hält er wenig. „Diese Seiten sind nicht einfach zu finden. Wer überhaupt schon angestrengt dannach sucht, wird eine Anleitung zur Umgehung noch einfacher finden. So uneffektiv wie die Warnhinweise auf Zigarettenpackungen.“ Viel eher sei die Aufklärung wichtiger, findet er. „Es muss klar gemacht werden, was das ist. Die Gesellschaft sagt, es ist schlecht. Ja, ist es. Aber so löst man keine Probleme. Wir brauchen Aufklärung, Ausweichmöglichkeiten und Therapie.“ Die Gesellschaft sei zu „versext“. Fast tragikomisch wie er sich beschwert und doch hat er wohl recht.

*Name von der Redaktion geändert

Auch eines der Opfer kommt zu Wort: Ein Missbrauchsopfer spricht – Teil 1, Teil 2.

Foto ciro@tokio unter cc bei Flickr.

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5 Comments For This Post

  1. Seb. Says:

    Starker Artikel, ziemlich heftig. Ich will garnicht wissen, wie viel da draußen hinter zugezogenen Gardinen passiert. Schrecklich.

  2. j Says:

    fesselnder bericht, bin gespannt auf nächsten Montag, auch gut geschrieben…erschreckend sowas

  3. H.P. Says:

    Also ich muss leider sagen, dass es so schwierig nicht ist auf solche Seiten zu gelangen. Ich erhalte auf meine yahoo.com Adresse nahezu wöchentlich Spam mit direkten Links zu Paysites dieses Themas. Zuerst meldete ich das yahoo direkt, aber die schrieben nur zurück, dass man diese Art mails nicht zurückverfolgen könne. Dann habe ich die links auch an offizielle Stellen weitergeleitet, ohne jemals eine Reaktion bekommen zu haben. Und wenn man darüber erfährt, wie schnell so manche Finanzabzockerseite oder auch vor kurzem eine Satireseite vom BKA und Innenministerium ausfindig gemacht und geschlossen werden kann, wundert man sich noch mehr über die Aktion mit der Sperrung. Warum wird hier nicht konsequenter durchgegriffen?

  4. ToTo Says:

    @ H.P., ich sag dazu auch was, und zwar daß Sie wohl Äpfel und Birnen vergleichen.
    Ich bin wohl schon 20 Jahre in Netzen jeglicher Coleur unterwegs, aber Seiten der Art KiPo waren da bisher nicht dabei. Auch bei yahoo.com gibt es die nicht ohne weiteres, und schon garnicht per Mail. Was Sie hier meinen, geht wohl in den Bereich des bizarren, aber mit KiPo hat das nix zu tun.
    Deutlich realistischer und auch glaubwürdig ist die Schilderung im Artikel, daß mittels Foren und One-Klick Hostern gearbeitet wird. Hier gelangt aber keiner zufällig hin, geschweige denn findet sich sowas als Spam im Postfach, denn merke, jedes Mail ist zurückverfolgbar, die ersten Adressen stehen im verdeckten Header des Mails selbst . . . Das gilt auch für Yahoo, nur darf man nicht vergessen, daß die Jungens mit Ihren Foren auch über Werbung Geld verdienen, und die Grenzen sind hier fließend.

    Gefragt ist hier nicht das “Durchgreifen”, dies zeugt nur davon, nichts verstanden zu haben.

  5. Tobias Claren Says:

    Welche “Satireseite”?
    War ein offensichtlicher BKA-Fake zum Zweck der Lächerlichmachung?

    Ich bitte um den Link, evtl. findet sich noch etwas im Archiv.
    Ich würde so etwas sofort wieder eröffnen, wenn genug “Ärger” droht.
    Wenn man solche Göbbels-Typen wie Reiner Wendt von der Deutschen Polizei-Gewerkschaft sieht und hört…..

6 Trackbacks For This Post

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