Zumindest war das der Eindruck, den die Medien vom Killer-, Bibber- oder einfach Winter vermittelten. [via]
Posted on 19 Februar 2010 by Jannis Kucharz
Posted on 18 Januar 2010 by Jannis Kucharz
Seine Kollegen denken wohl immernoch, dass er einfach zu viel Zeit habe, meint Christian Lindner bei der Vortragsreihe “Das Leben im Netz” an der Uni Mainz. Christian Lindner ist Chefredakteur der Rhein-Zeitung und spricht im Rahmen seines Vortrags über “Das Schweizer Messer Web 2.0 – Die vielfältigen Effekte von Twitter bei der Rhein-Zeitung”. Er ist seit dem 23.01.2009 als @RZChefredakteur auf Twitter unterwegs und zählt damit bis heute zu den wenigen Chefredakteuren, die selbst Twittern.
Warum er damit angefangen hat? Twitter ist für ihn das optimale Medium für Journalisten, die ja gewohnt sind sich kurz und prägnant auszudrücken, damit ist auch die Zeichenbeschränkung für ihn kein Problem: “Ein erfahrener Journalist empfindet die 140 Zeichen geradezu als komfortabel.” Inzwischen hat seine Rhein-Zeitung über 30 redaktionelle Twitter-Accounts, die insgesamt auf über 12.000 Follower kommen1.

Der @RZChefredakteur beim Twittern. Foto von Senad Palic, geschossen an einem der Followerabende.
Doch die Follower folgen nicht nur, sondern interagieren mit dem Medium. Christian Lindners Credo lautet nämlich: Persönlich Twittern! Automatisierte Nachrichtenfeeds, wie sie bei den meisten Nachrichtenseiten noch State of the Art sind, kommen bei ihm nicht in Frage. Durch diese Ansprechbarkeit der einzelnen Autoren, Ressorts, und Regionalredaktionen ist es auch möglich, dass die Leser eigene Themen und Hinweise weiterleiten.
Der Journalist zählt auf: Unfälle, Einbrüche oder seltsame Unternehmenspleiten, auf viele Themen weisen die engagierten Follower hin und irgendwann verliert man den Glauben hier nur geschönte Einzelfälle präsentiert zu bekommen. Mehrere Themenhinweise am Tag bekäme die Rhein-Zeitung inzwischen, erzählt Lindner, und dabei ginge es keineswegs nur um solch triviale Geschichten. Auch der ein oder andere Tipp aus großen regionalen Unternehmen und der Hinweis auf ein politisches Skandälchen auf Landesebene soll schon dabei gewesen sein. Whistleblowing via Twitter.
Erstaunlich ist, dass hierbei nicht einmal auf Anonymität Wert gelegt wird, sondern diese Hinweise von personalisierten Accounts kommen. Die Erklärung findet Lindner leicht: Über Twitter geht der Kontakt schnell und einfach und die Leute haben Vertrauen zur Marke RZ.
Vor allem Menschen und Themen die man sonst nicht erreicht hätte würde die Rhein-Zeitung so stärker ansprechen. Das Image der sonst als recht verstaubt geltenden Lokalzeitung profitiert davon. Die Abonnenten der Printzeitung sind im Schnitt 51 Jahre, 46% über 50. Für eine Lokalzeitung normal, aber die Auflage schwindet. Noch seien die Zahlen zwar stabil, aber Lindner glaubt an ein weiteres Abnehmen der Abonnentenzahlen. Eines seiner Instrumente dagegen ist Twitter, hier erreicht die Zeitung jüngere Menschen und ein, der Zeitung sonst eher fernes, Klientel. Von dem bisherigen Erfolg dieses Weges zeugen zwar noch keine Eindeutigen Zahlen, aber einige Tweets:

Umgekehrt ist der Rhein-Zeitung aber auch daran gelegen den eigenen Lesern Twitter näher zu bringen. So promotet die RZ, die eigenen Twitter-Accounts recht prominent auf der eigenen Seite übersichtlich aufgeteilt nach Region und Ressort. Und um neu Twitterern über Startschwierigkeiten hinwegzuhelfen, empfehlen sie auch gleich lesenswerte Twitterer aus der Region und haben das Projekt der Twitterpaten ins Leben gerufen, die Neulinge beim Microbloggingdienst versprechen an die Hand zu nehmen. Außerdem veranstaltet die Rhein-Zeitung ab-und-zu Followerabend, bei denen einige Follower in die Redaktion eingeladen und herumgeführt.
Fassen wir also zusammen, welche Vorteile hat die Rhein-Zeitung von Twitter:
Das sind sicher keine neuen Erkenntnisse, und darauf hätte man auch mit etwas gesundem Menschenverstand von selbst kommen können, aber die RheinZeitung tritt eben den Beweis an, dass an all den schlauen Tipps der zahlreichen Social-Media Berater auch ab und zu ein Funken Wahrheit dran ist. Wie hat die Rhein-Zeitung das geschafft?
Christian Lindner hat dafür eine klare Erklärung: Für ihn mitentscheidend war, dass er als Chef damit angefangen hat und es so selbst in die Redaktion hineingetragen hat und eben nicht zur Technikabteilung gegangen ist und gesagt hat “Macht mal was mit diesem Twitter.” Bei der Rhein-Zeitung twittern alle Redaktionsabteilungen selbst. Auf die Frage, wie denn die alt eingesessenen Redakteure auf die neue Aufgabe im Redaktionsalltag reagiert hat, sagte er, dass man niemanden zum Twittern gezwungen habe, man habe Ihnen das Werkzeug an die Hand gegeben und gesagt mach mal und wenn auf gefallen ist, dass jemand sich da zurück hält habe man angesprochen, wo die Probleme liegen. Bei den neu angekommenen Volontären besteht der Chef allerdings auf die Verwendung der Sozialen Dienste, schließlich nutzen die meisten das auch privat selbstverständlich und können das also auch gewinnbringend in die Redaktion einbringen.
Ob diesem Beispiel weitere Zeitungen folgen werden? Lindner ist sich sicher, dass Sie müssen um an zuzkünftige Leser, über welchen Verbreitungskanal auch immer sie dann die Zeitung konsumieren, überhaupt zu erreichen.
Posted on 19 März 2009 by Jannis Kucharz
Von einer “großen Abwehrschlacht” spricht Hannes Hintermeier heute im Feuilleton der FAZ. Von einem “Rückzugsgefecht; versprengte[r] Truppen”.
Er beschreibt den Kampf der Buchverlage gegen Google, die um ihre Rechte und ihre Erlöse fürchten, nachdem Google mit Google Books angefangen hat alle Bücher einzuscannen und digital verfügbar zu machen.Doch schnell wird klar: Hier geht es gar nicht um die Buchverlage, es geht auch nicht direkt um das täglich Brot der armen Autoren, es geht darum Google bloßzustellen.
Aber nicht in erster Linie wegen ihres Google Books Engagement, sondern es geht eigentlich um den Google News Service. Der ist den Zeitungsverlagen1 schon lang ein Dorn im Auge.
Der Google News Service aggregiert die Schlagzeilen und Meldungen der großen Onlinenewsportale, errechnet daraus was gerade wichtig ist und kann so die zentralen und wichtigsten Schlagzeilen übersichtlich darstellen.
Dieser Service war den jeweiligen Newsportalen schon lange ein Dorn im Auge. Obwohl die jeweiligen Meldungen immer nur kurz angerissen wurden und dann zum weiterlesen auf den jeweiligen Artikel verlinkt zu den Portalen wurde, hatten die Newsportale wohl Angst durch diesen Service ersetzt zu werden, oder zumindest massiv Werbeeinnahmen verlieren.
Nun muss man wissen, dass gerade die Topmeldungen vor allem auf Agenturmeldungen beruhen. Deshalb unterscheiden sich die Artikel auf den einzelnen Portalen auch nicht groß, was das aggregieren und zusammenstellen der Meldungen auf der Google Seite extrem vereinfachte.
Jetzt geht Google den nächsten konsequenten Schritt: Sie treten direkt an die Nachrichtenagenturen heran und verbinden sich mit diesen. Ab sofort verlinkt Google nicht mehr nur auf die externen Newsportalen, sondern bildet die Originalmeldungen der Agenturen direkt auf der Seite ab. Dazu haben sie einen Vertrag mit der european pressphoto agency (epa) geschlossen. Der Vorteil: Google hält die Benutzer auf seiner Seite und kann dort direkt seine Anzeigen schalten. Die Agenturen werden natürlich am Erlös beteiligt und fühlen sich endlich gewürdigt, denn dadurch würden die “Journalisten und Herausgeber, die für die Erstellung und Verbreitung von Nachrichten hart arbeiten, als ursprüngliche Nachrichtenquelle” indetifiziert, so Google-News-Manager Josh Cohen.
Die Nachrichtenportale wie Spiegel Online oder faz.net gucken jetzt natürlich mächtig in die Röhre, denn war ihnen bisher der Service zwar schon nicht lieb, bzw. die Entlohnung dafür zu gering, so dürften die Besucherzahlen, die sie dadurch täglich von Google rübergeschoben bekamen dennoch beträchtlich gewesen sein. Diese drohen jetzt natürlich weg zu fallen.
Die Redaktionen der Portale sehen aber einen Großteil der Arbeit noch immer bei sich, denn schließlich sind sie es, die täglich aus den 1000 von Meldungen, die über die Ticker der Agenturen laufen das Wichtige rausfischen, hervorheben und aufarbeiten. Auf ihrem Urteil wird die Google News Seite wohl auch weiter aufgebaut werden nur das die Newsportale wie Spiegel Online, Wolt Online etc. nun noch weniger davon haben.
Kein Wunder fangen sie an zu wettern, so wie Hannes Hintermeier in der F.A.Z. von heute oder Christian Stöcker bei Spiegel Online. Sie versuchen den Suchmaschinengiganten mit ihren Waffen zu bekämpfen: Artikeln und Einfluss auf die öffentlich Meinung. Das macht wieder einmal deutlich, wie sehr die Zeitungsverlage noch immer in den alten Mustern denken und wie wenig sie im Netz angekommen sind. Denn viel einfach wäre es, Google mit den eigenen Waffen zu schlagen und dessen Suchalgorithmen zu nutzen um Besucher auf die Seite zu bekommen.
Links verwenden; denn die bestimmen, wie weit nach oben eine Seite im Google Ranking rutscht, ergo wieviele Besucher auf meine Seite kommen. Welt Online macht das schon ausversehen halbwegs erfolgreich. Handelsblatt.com und Bild.de haben immerhin angefangen, in dem sie mit dem Twingly Widget eine Art Trackback System eingeführt haben, wie es von Blogs bekannt ist. Doch den meisten sind Verlinkungen nach außen ein Graus, sie wollen den Besucher ja nicht zur Konkurrenz schicken, sondern in den eigenen vier Seiten gefangen halten. Sie verhalten sich also genauso, wie sie es Google nun vorwerfen.
Damit machen sie sich selbst zu einem “schwarzen Loch des Web”.
Posted on 15 März 2009 by Pell

Die Onlineausgabe der Frankfurter Allgemeine[n] Zeitung faz.net hat sich mit der Kommentarfunktion am Beispiel der Blogs gerichtet und spricht für Interaktivität. Ich kann natürlich nachvollziehen, dass ein Kommentar dort erst nach Prüfung erscheint, weil man Zustände wie in den Golemdiskussionen vermeiden möchte. Doch interessant ist dennoch, dass ein Kommentar, der einen faktischen Fehler kritisiert, weder veröffentlicht wird, noch eine Behebung dieser Daten zur Folge hat.
Ich spreche über die Fernsehkritik vom 12. März 2009. Darin geht es um die Sonderausgabe von “Hart aber Fair” zum Amoklauf in Winnenden. Im Beitrag wird mit Ungenauigkeit der Amoklauf in Emsdetten erwähnt:
Vor drei Jahren, als in Emsdetten Schüler und Lehrer starben, hatte Plasberg schon einmal zu einer Runde eingeladen.
Am 20. November 2006 stürmte Bastian B. in seine alte Schule in Emsdetten. Er verletzte dabei 27 Menschen – sieben Schüler, eine Lehrerin, einen Hausmeister und 16 Polizisten. Das einzige Todesopfer war er allerdings selbst. Somit starben vor drei Jahren keine “Schüler und Lehrer”. (Mehr Informationen)
Weiter heißt es in dem Absatz:
Auch damals war Christian Pfeiffer dabei gewesen, und genauso Tim Westerholt vom WDR-Radio EinsLive, der sich jetzt wieder bemühte, Computerspiele, Jugendschutz, berechtigte Sorge und falsche Panik auseinanderzuhalten.
Tim Westerholt heißt eigentlich Tom Westerholt und war in der “Hart aber Fair”-Runde vom 22. November 2006 nicht anwesend.
Es ist interessant zu sehen, wie eine große deutsche Zeitung sich nicht recht darum bemüht, Fehler zu korrigieren und Kommentare im Vorfeld weder publiziert noch ernst nimmt. Dabei hätte eine Googlesuche oder Wikipedia auch geholfen. Oder einfach ins eigene Archiv gucken: FAZ-Artikel vom 21. November 2006.
Update: Die FAZ hat den Absatz jetzt verändert. Nach zwei Tagen.
Vor drei Jahren, als in Emsdetten auf Schüler und Lehrer geschossen wurde, hatte Plasberg schon einmal zu einer Runde eingeladen. Auch damals war Christian Pfeiffer dabei gewesen, genauso wie Tom Westerholt vom WDR-Radio EinsLive, der in einem Einspieler zu sehen war. Westerholt bemühte sich auch jetzt wieder darum, Computerspiele, Jugendschutz, berechtigte Sorge und falsche Panik auseinanderzuhalten.
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Posted on 26 Februar 2009 by Pell

Kaum scheiterte Zoomer nach einem knappen Jahr, war ein neues Pendant geboren: Zeitjung stellt den Faktor auf junge Redakteure für junge Leser. Nach einigen positiven Berichten aus der Presse hagelte es allerdings Kritik. Der jungen Redaktion wurde unter anderem Antisemitismus vorgeworfen. Alexander Zacherl, Mitglied der Chefredaktion sprach über die Vorwürfe, Ideen und Ziele des Nachrichtenportals.
netzfeuilleton.de: Antisemitmus, damit hat man bei Zeitjung aber nicht gerechnet?
Alexander Zacherl: Damit haben wir wirklich nicht gerechnet. Unsere Redaktion ist so multi-kulturell, dass uns so ein Vorwurf nie in den Sinn gekommen wäre. Vor allem unsere jüdischen Redakteure fanden die Vorstellung sehr weit hergeholt.
netzfeuilleton.de: Wie sahen denn die konkreten Vorwürfe aus?
Alexander Zacherl: Liebe Leute!!! Super Einstellung zur, dass nur Deutsch ist, wer auch in Deutschland hier geboren ist. Das ist ein NPD–Argument!!! Das ist einfach eine Frechheit– zuerst schürt ihr hier Fremdenhass und dann schreibt ihr unter das Bild am Strand “Doris in Geil” – Ihr seit einfach Faschisten! die npd hat mal einen nationalmannschaftskader ohne owomoyela publiziert. denn: ein schwarzer kann ja wohl nicht so deutsschland spielen, so deren logik. das hier geht in die gleiche richtung. ob gewollt oder nicht. (Anm. d. Interv.: Es werden Kommentare zu diesem Artikel zitiert.)
netzfeuilleton.de: Daneben gab es allerdings noch Vorwürfe bezüglich eines Artikels über die Piusbrüderschaft und einen Text über Arbeit mit dem Titel “Arbeit macht frei – oder nicht?”. (Anm. d. Interv.: Der Artikel hat mittlerweile einen anderen Titel.)
Alexander Zacherl: Ja, beides. Der Artikel zur Piusbruderschaft wurde als Angriff auf alles religiöse gelesen – was eigentlich nicht seine Aussage war. Doch diese Fehlinterpretation ließ schnell die Gemüter hochkochen, Religion ist eben bei vielen Menschen noch ein sehr sensibles Thema. Und wer sich angegriffen fühlt, schlägt schnell verbal zurück.
Der Artikel “Arbeit macht frei – oder nicht?” drehte sich um Workaholics, also Menschen die einfach zu viel arbeiten. Die Headline dazu passte rein wörtlich genommen perfekt. Aber natürlich war sie mit dem nationalsozialistischen Hintergrund des Ausdrucks provokant. Das war der Autorin auch bekannt und gewollt. Denn unsere Generation sollte, mehr als 60 Jahre nach der Schließung von Auschwitz, mit solchen Formulierungen unverkrampfter umgehen können. Das hat sie auch hier noch mal deutlich klargemacht.
netzfeuilleton.de: Es wird aber ein bisschen abgewertet. “Religion ist eben bei vielen Menschen noch ein sensibles Thema.” Kann man die Reaktionen denn nicht insoweit nachvollziehen? Ich meine, es sind 60 Jahre her, aber es ist immer noch existent und das Menschen auf einen Titel wie “Arbeit macht frei” so reagieren, ist ja verständlich?
Alexander Zacherl: Natürlich ist das verständlich. Aber Religion und die Nazis sind Themen, über die man reden kann und über die man reden sollte. Wegen einer Headline wie “Arbeit macht frei – oder nicht?” oder “Jedem den Seinen” gleich “NAZI!” zu rufen und sein Gegenüber dadurch in Verruf zu bringen, födert keine Diskussion. Hier wird einfach versucht, jemanden, den man als “Gegner” sieht, mit den einfachsten Mitteln unmöglich zu machen.
netzfeuilleton.de: Nun ja, sicherlich ist es so, dass die Vergangenheit Deutschlands auch für eine schwache Diskussion ausgenutzt wird. Aber man kann es den Betroffenen doch nicht verübeln, dass sie auf diese Art und Weise reagieren?
Alexander Zacherl: Das ist richtig. Sollen wir deshalb “Arbeit macht frei” für immer aus unseren Wortschatz streichen? Wollen wir diese drei Worte auf ewig den Nazis überlassen? Nein. Unsere Generation, die 1940 noch nicht einmal in Planung war, hat jetzt die Chance, kritisch über die Verbrechen der Nazis zu urteilen. Und das tun wir. Unsere Pflicht ist es, zu verhindern, dass jemals wieder ein Genozid wie während des zweiten Weltkriegs stattfindet. Unsere Seite besteht allerdings aus mehr als nur aus Artikeln mit provokanten Headlines. Wir sprechen alle Themen an, die aktuell sind und uns auf dem Herzen liegen. Heute zum Beispiel war die Oskar-Verleihung ein Thema.
netzfeuilleton.de: Natürlich soll man ihn nicht verbannen, aber es geht nicht um Schuld in dem Sinne. Wenn eine solche Textzeile in einer Publikation aus dem Ausland zu lesen wäre, würde man ebenso mit dem Hitlerregime asoziieren. Die Frage ist, mit welcher Intention es geschrieben wird. Ihre Aussage: “Das war der Autorin auch bekannt und gewollt.” Die Autorin wusste es also, hat es also nicht wörtlich genommen, sondern doch schon aus dem Kontext, oder etwa nicht? Der Titel ist mittlerweile geändert. Aber es geht nicht nur um diesen Titel, sondern generell auch darum, dass die Miss Germany “nicht einmal Deutsch sei” und dass die “religiösgeprägten” homophob, antifeministisch und antisemitisch seien. Natürlich gehe ich nicht davon aus, dass die Redaktion in irgendeiner Form diese Werte vertritt, aber die sprachlichen Aussagen geben ein anderes Bild davon ab. Auch der neue Artikel über türkische Jungen ist in dieser Form geschrieben: Er pauschalisiert ein ganzes Volk und die Familien und der letzte Satz war dann “Und immer weiter merken die verzweifelten Eltern, dass Töchter pflegeleichter sind als Söhne. Viel zuverlässiger, viel familiärer, viel mehr das, was sie sich gewünscht hatten.” Da wird dieser Vorwurf, Frauen seien dort nicht gewollt, im Grunde mit ähnlich dummen Argumenten gegen Männer gerichtet.
Alexander Zacherl: Das ist ein Punkt, an dem wir gerade ansetzen. Jeder Autor versucht für sich, seine Artikel so zu schreiben, dass sie nicht mehr so leicht missverstanden werden können. Das ist nicht einfach. Aber wir sind auch noch in der Aufbauphase unserer Seite (und unserer Redaktion). Kommentare sind da ein gutes Mittel, um die Redaktion solche Doppeldeutigkeiten aufmerksam zu machen.
netzfeuilleton.de: Kommen wir zu der Redaktion. Wie ist die denn aufgebaut? Sind das Festanstellungen, Praktika..?
Alexander Zacherl: Wird das Portal nebenbei betreut? Einige von uns Zeitjüngern, zur Zeit sind es fünf, sind fest angestellt und täglich in der Redaktion. Der Großteil der Autoren arbeitet allerdings freiberuflich für uns und schreibt aus der Uni, der Schule und von Zuhause. Alle haben neben ZEITjUNG auch noch andere Verpflichtungen wie ihre Ausbildung oder Jobs.
netzfeuilleton.de: Mit Entlohnung? Was sind die Voraussetzungen für neue Redakteure (freiberufliche, so wie festangestellte)?
Alexander Zacherl: Ja, mit Entlohnung. Neue Redakteure müssen interessant schreiben können (oft sind es Blogger), ein Gefühl für spannende und aktuelle Themen haben und unserer Zielgruppe möglichst nahe sein.
netzfeuilleton.de: Wie beschreibt man zeitjung in einem Satz?
Alexander Zacherl: Zeitjung ist anders, aktiv, artgerecht, aktuell.
netzfeuilleton.de: Artgerecht? Wie soll man das verstehen? Was ist “anders” und ist “anders” immer gut?
Alexander Zacherl: Anders und artgerecht bedeuten, dass wir versuchen Themen zu wählen, die uns und unsere Leser interessieren. Und über diese Themen wollen wir verständlich schreiben. Also nicht ganz so verklausuliert, wie Politiker oder große Tageszeitungen das manchmal gerne machen. Wir haben es uns nicht zum Ziel gesetzt, die Süddeutsche Zeitung oder die FAZ sklavisch zu kopieren. Anders ist also in diesem Fall gut und wichtig.
netzfeuilleton.de: Die Nachrichten sind ja sehr subjektiv, ist das ganz genau so gewollt?
Alexander Zacherl: Nicht alle. Die News in unserer TAGSCHAU sind zum Beispiel meist sehr faktenorientiert und objektiv geschrieben. Aber bei vielen anderen Artikeln kann und soll auch die Meinung des Autors nicht zu kurz kommen. Das ist einer der Punkte, der unseren Lesern sehr wichtig ist.
netzfeuilleton.de: Zoomer ist gescheitert. Wieso wird Zeitjung bestehen?
Alexander Zacherl: Weil Zeitjung authentisch ist. Wir sind Teil unserer Leserschaft und schreiben nicht für Menschen, in die wir uns nicht hineindenken können. Hinter Zeitjung steht kein großer Konzern, der bei den ersten Anzeichen einer Wirtschaftskrise seine zukunftsträchtigsten Projekte streicht, um sich auf seine “Kernkompetenzen” zu konzentrieren. Denn unsere Kernkompetenz _ist_ Zeitjung.
netzfeuilleton.de: Wie plant zeitjung denn die Finanzierung? Bisher habe ich weder Anzeigen noch ähnliches gesehen.
Alexander Zacherl: Zeitjung wird sich durch Content-Syndication, Werbung und Sponsoring finanzieren. Derzeit finden Gespräche mit Finanzdienstleistern und Verlagen statt, die bereits in die zweite Runde gehen.
netzfeuilleton.de: Wie sieht zeitjung in sechs Monaten aus, wie in einem Jahr?
Alexander Zacherl: Zeitjung wird in sechs Monaten mehr als nur Texte bieten. Videos, Podcasts, Comics – wir denken da in viele Richtungen. In einem Jahr wird Zeitjung noch viel offener für unsere Leser sein und um die rein redaktionelle Basis eine News-Community aufgebaut haben, in der noch mehr diskutiert und bewertet wird als heute.
netzfeuilleton.de: Klingt sehr vielversprechend. Dann bedanke ich mich für das Interview.
Alexander Zacherl: Bittesehr. Danke für das spannende Interview. =D
Das Interview wurde von Pell via Messenger geführt.
Posted on 11 Februar 2009 by Jannis Kucharz
Das war ja sowieso schon ein Riesendurcheinander mit dem Wirtschaftsminister. Erst will Herr Glos zurücktreten, darf aber nicht. Dann darf er, hat aber Seehofer gefragt und nicht Angie wie es sich gehört und dann ist er zurückgetreten und es gibt erst mal keinen Nachfolger.
Nun gibt es ihn. Er heisst: Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Wilhelm Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg. Zumindest stand das so heute in vielen Medien und Zeitungen. Doch in diesem wirklich langen Namen hat sich einer eingeschlichen, der da nicht reingehört: Wilhelm.
Beim BILDblog ist ein Bekennerschreiben eingegangen. Darin bekennt sich jemand dazu, kurz nach Bekanntgabe des neuen Ministers für die Untergehende Wirtschaft, den Wikipedia Artikel bearbeitet zu haben und in die lange Liste der Namen noch den Wilhelm eingefügt zu haben. Nicht, dass das jetzt weiter schlimm ist, der Name passt ja auch schön in die Reihe, schlimm ist was uns das über die Recherche Tätigkeit vieler Journalisten verrät. Sie scheint nicht sehr intensiv zu sein.
Denn der falsche Name stand heute überall. Von Bild bis Taz, von Sueddeutscher bis RP-online. Spiegel Online behauptete sogar, der Minister würde sich selbst mit dem Wilhelm im Titel vorstellen. Wirft kein gutes Licht auf die Branche, wenn man sich darafu beschränkt, Wikipedia Artikel abzuschreiben.
Der wirkliche Name des Herrn ist: Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jakob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg. Ohne Wilhelm.
Ob das jetzt alles was hilft gegen die Wirtschaftskrise?
UPDATE: Inzwischen versuchen mehrere Medien sich für den Patzer zu rechtfertigen. Niggemeier dokumentiert und kommentiert den Vorgang. Hier die teilweise abstrusen Ausreden Rechtfertigungen von Spiegel Online, taz und Sueddeutsche.de
Posted on 10 Februar 2009 by Darwin
So ganz schien es ja nicht das zu sein, was man sich erhofft hatte und jetzt ist es nach einem knappen Jahr auch schon wieder vorbei. Die Geschichte von Zoomer.de ist die Story des typischen 0815-Webmasters: Mit viel Elan und Prophezeihung hatte man gestartet, einige Menschen engagiert, Nutzer gefunden, wenn auch nicht gerade die, die man ursprünglich in Betracht zog – aber Klick ist Klick. Doch jetzt fällt das Experiment in sich zusammen, wie es Prognosen seit Monaten vorhersahen.

Das Mitmachportal, angeheizt von einigen prominenten und pseudoprominenten Leuten, die sich über ihren Alltag und politische Themen innerhalb von zwei Minuten per Video äußerten, schien an den Zielen vorbei zu schießen. Grundlegende Wenden gab es nicht, der Relaunch vor einigen Monaten brachte nicht die erhofften Veränderungen und so gibt man den Versuch ganz auf. Peter Neumann, Zeit Digital Chef, äußerte sich gegenüber Kress.de sehr stichhaltig. Man hätte dem Projekt in normalen Zeiten länger gewährt, aber es seien keine normalen Zeiten. Kurze Worte zum Abgang einer Neuerung im Web, aber gleichzeitig klare Worte, was den Stand dieser Formen angeht. Ist Deutschland einfach nicht bereit für das Internet?
Zoomer starte nach amerikanischen Vorbildern, eine Seite für Jugendliche, verbunden mit Diskussionen, polarisierenden, subjektiven Nachrichten, Einflussmöglichkeiten und Werbepartnern, doch das was daraus wurde, ist ein gescheiterter Versuch sich an Objekten zu messen, die in Deutschland scheinbar noch immer keinen Bedarf finden. Doch ist es nur das Internet? Ein Medium, bei dem wir immer zuversichtlich sagen können, es sei ja immer noch “Kinderschuhe”, “Kindergarten”, und so weiter? Im Grunde ist es bei anderen dieser Medien nicht anders: Das Fernsehen läuft durch eine Krise, das Radio auch, und selbst die Zeitungsverläger, die in Deutschland Tradition haben, stänkern hier und da.
Sind wir nicht bereit für ein bisschen Moderne? Sind wir irgendwo stecken geblieben? Ich kann diese Fragen nicht wirklich beantworten, aber sie stellen sich mir – zusammen mit vorurteilsbehafteten Gedankengängen, die die Schuld hier und da suchen, wo sie so vielleicht garnicht ist. Ich lade zur Diskussion ein.
Foto: Flickr unter CC von phatman.
Posted on 18 Januar 2009 by Jannis Kucharz
Beim Caféhaus-Talk mit Robert Basic hatte ich noch versprochen, nicht einfach Artikel zu Verlinken, aber nun habe ich einige Dinge gefunden, die ich unseren Lesen nicht vorenthalten möchte.
Der Umblätterer hat nämlich wieder die 10 besten Texte des Feuilletons gekürt. Und da sind einige Inhaltliche uns sprachliche Perlen dabei und dank Online und Zeitung 2.0 kann man viele davon auch jetzt noch lesen, wenn man die entsprechende Ausgabe e nicht zur Hand hat. Hier ein Auszug aus der Liste, mit den Artikeln, die Online stehen: Den 1. Platz machte Iris Radisch mit “Am Anafng steht ein Missverständnis” (ZEIT), aber auch die anderen Artikel sind mehr als Lesenwert, deswegen unbedingt bei den Best of Feuilleton 2008 nachlesen.

Und dann möchte ich noch auf einen Artikel hinweisen aus der taz, der beschreibt mit welcher Selbstverständlichkeit PR-Strategen heute mir Zeitungen zusammenarbeiten und ohne Probleme ihre Themen und Artikel platzieren.
Georg Schraderhay “Die getarnten Zulieferer – Wie PR Strategen Themen platzieren“
Ich wünsche einen schönen Lesesonntag.
Posted on 09 Dezember 2008 by Jannis Kucharz
Es ist erst eine Woche her, dass F.A.Z.net sein Blogangebot gestartet hat, aber schon jetzt zeigt sich das Potential.
So hat Peer Schader eine interessante Serie über Reality-Formate im deutschen Fernsehen geschrieben.
Angefangen mit einem Artikel in der F.A.S.1, in dem er anführt, wie sich das Schauen von diesen DokuSoaps auf die eigene Realitätswahrnehmung auswirkt. Und feststellt, wenn man regelmäßig diese Reality Formate guckt, in denen 39-jährige Mütter die größten US5-Fans sind oder Menschen für sich für einen Silikonbusen prostituieren, muss man sich ja irgendwann fragen: Wie viele Verrückte gibt es eigentlich in Deutschland?
Liefert er dann im Fernsehblog in 3 Teilen noch eine interessante Hintergrundrecherche. Von “Verrückte Familien gesucht” in Teil eins, über “Die Busenfixierung von Pro Sieben” hinzu “Wie kommt die Familie in die Dokusoap?“, gibt es ein ausführlich und treffende Analyse rund um die Reality Formate.
Und abgesehen vom großen inhaltlichen Wert dieser Ausführungen über die TV-Landschaft, tut sich hier auch eine Möglichkeit auf wie Blogs den “alten Journalismus” ergänzen können. Das schreibt Peer Schader auch in seinem eigenen Blog medienpiraten.tv:
Das ist großartig, weil ich beim Kürzen jetzt nicht mehr vor dem Text sitzen muss und denken: Mist, diesen Gedanken oder dieses Zitat hätte ich auch gerne noch drin gehabt. Ich kann es ja online unterbringen.
Posted on 03 Dezember 2008 by Jannis Kucharz
Ich kann nur hoffen, dass Flo (Grenzpfosten) unrecht hat.
In seinem aktuellen Eintrag sieht er ausgerechnet die PR als einzige Chance für Blogs in Deutschland wirklich bekannt und relevant zu werden.
Das widerspricht zutiefst meinem Verständnis des Bloggens. Natürlich gibt es PR/Corporate-Blogs die sich darauf spezialisiert haben PR zu verteilen, aber das kann und darf doch nicht die Zukunft und Aufgabe von Blogs im Allgemeinen sein.
Flo fordert, dass endlich auch Blogs in Deutschland mit exklusiven Informationen von Unternehmen versorgt werden. Ich hingegen glaube nicht, dass das Gros der Blogger in Deutschland fähig ist, sich durch den gewieften PR-Dschungel zu kämpfen. Bedenkt man, dass auch “professionelle” Journalisten ihnen reihenweise auf den Leim gehen. Und wenn nun auch Blogger intensiv dem ständigen Umwerben der verschiedenen Öffentlichkeitsarbeiter ausgesetzt wären, würden Blogs auf kurz oder lang zur Werbeschleuder verkommen. Sie würden wahrscheinlich erst recht “Copy Cats“ von Pressemitteilungen, weil sie diese nicht richtig lesen können, weil sie dem PR-Sprech erliegen und mangels Recherchemittel nur eine einseitige, ja extrem gefärbte Meinung liefern können.
Leider wird das kommen. Wenn Blogs noch weiter in den Fokus der Öffentlichkeit & vor allem der Werbeindustrie rücken. Aber dann sollte sich Blogs genau dagegen anstellen und wehren, denn nichts wäre schlimmer als wenn die PublicRelations Agenturen Blogs hemmungslos für ihre Botschaft einsetzen könnten.
Das wäre der Tod der Blogs, würden sie doch ihre wichtigste Eigenschaft zu verlieren: Ihre Unabhängigkeit und ungehemmte Kritikfähigkeit.
Im Moment sind zum Glück noch wenig Blogs relevant und groß genug um Ziel der PR-Attacken zu werden, dennoch will ich nicht hoffen das Blogs, die gerade noch als Rettung oder Zukunft des Journalismus gefeiert wurden, so schnell den selben Weg in die Fänge der Öffentlichkeitsarbeit gehen.