The Magazine – Vom iOS-Programmierer zum Chefredakteur

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Marco Arment hat schon viel gemacht: Er war Mitgründer der Bloggingplattform tumblr. Dort stieg er 2010 aus um sich Vollzeit um seine erfolgreiche iOS-App Instapaper zu kümmern. Nebenher ist er erfolgreicher Blogger, seine Webseite marco.org hat ca. 600.000 Seitenaufrufe im Monat und sein Podcast Build & Analyze ist aktuell auf Platz 4 in der Instacast Hitliste.

Und nun ist er auch noch Chefredakteur eines eigenen Magazins. „The Magazin“ nennt sich das Erzeugnis ganz bescheiden und es erscheint auf iPhone und iPad über den Apple-eigenen Zeitungskiosk. 1,99 € kostet es im monatlichen Abo und erscheint im zwei Wochen Rhythmus. Im Inneren verbirgt sich dann nicht das, was man von all den modernen Magazinen erwartet: Videos, bunte, interaktive Grafiken, aufwändige Animationen… Nein, einfach Text. 4 Artikel, um die 1000 Wörter in schlichtem, schönem Design.

 „Choosing a sperm donor is a little bit like setting up an Xbox avatar.“

Es ist das einzige Magazin, dass ich aktuell auf dem iPhone abonniert habe und für das ich gerne bezahle. Das liegt an dem Gedanken der dahinter steht: „The Magazin“ hat kein wirkliches Thema, sondern richtet sich an Menschen mit einem bestimmten Mindset. „The Magazine goes beyond technology. (…) Rather than be limited to technology, its topics appeal to people who love technology.“, beschreibt Marco Arment selbst im Vorwort den Anspruch. Er möchte Menschen ansprechen, die einen ähnlichen Hintergrund haben wie er und mit ähnlichem Hintergrund an Themen herangehen. Man könnte das die Nerd oder Geek-Herangehensweise nennen. Und obwohl die meisten Autoren bislang aus dem Umfeld der Apple-Blogger kommen, sind die Themen sehr vielfältig.

In der zweiten Ausgabe beispielsweise, die gestern erschienen ist, beschreibt zunächst John Siracusa, wie im Playstation Spiel „Journey“ aus Gamern, die sich bei Call of Duty normalerweise als „Kackn00bs“ beschimpfen, friedliebende, sich unterstützende Mitspieler werden und entwickelt daraus ein Menschenbild, das sich durch die vorhandenen Funktionen manifestiert. Gefolgt wird das Ganze von einem Artikel von Gina Trapani, Programmiererin, in dem sie herzerwärmend beschreibt, wie es war mit ihrer Lebenspartnerin ein Kind zu bekommen. „Choosing a sperm donor is a little bit like setting up an Xbox avatar.“
Der leitende Redaktuer der Macworld Lex Friedmann beschreibt in derselben Ausgabe, wie er sich rasiert. Mit einem Blick fürs Detail, den wohl nur Geeks in dieser Obsession haben.

Zum Chefredakteur wird man nicht mehr befördert, sonden macht es einfach

Man merkt „The Magazin“ an, dass es nicht am Reißbrett einer Marketingabteilung entstanden ist; sondern hier schreiben Menschen über Themen, die sie bewegen für Menschen,von denen sie wissen, dass sie sie verstehen. Keine imaginäre „Oma Else“, die angesprochen werden und alles verstehen muss, sondern ein Magazin für Menschen mit demselben Horizont wie die Autoren. Und obwohl dem Magazin jegliche Kommentarfunktion fehlt kann man mit allen Autoren in Kontakt treten, schließlich sind alle prominente und gut verlinkte Schreiber.

Und während das iPad-only Magazin „The Daily“ von Ruport Murdoch schon wieder massig Leute entlassen hat, hat „The Magazin“ allen Vermutungen nach den Break Eaven bereits erreicht. 10.000 Abonnenten brauchte Marco Arment dafür. Der Unterschied, abgesehen vom andern Erscheinungrhythmus, ist der geringe Überbau den Marco Arment braucht. Während „The Daily“ mit 170 Mitarbeiter gestartet ist und davon ein Drittel wieder entlassen musste ist Marco Arment alleine. Er schreibt lediglich die Autoren an und sammelt die Artikel ein und bezahlt sie, nach eigenen Angaben, gut. Wenn es mit „The Magazine“ weiter bergauf geht denkt er darüber nach einen Lektor einzustellen.

Zum Chefredakteur wird man heute nicht mehr, indem man von einem Verlag dazu befördert wird, sondern dadurch, dass man es macht.

>>„The Magazine“ ist erhältlich imThe Magazine: For geeks like us. - Marco Arment


6 KOMMENTARE

  1. Mir fehlt da ein Blick auf eine Kehrseite. Etwa die Beschränkung auf Nutzer mit Geräten, die auf iOS basieren. Wenn ich an ein Magazin denke, so schwebt mir auch der historische Wert vor und hiermit die Frage, inwieweit ich eben dieses Magazin in fünfzehn Jahren noch hervorkramen kann, um darin zu lesen oder es für andere Zwecke zu verwenden. Aber auch die Autoren – ja, sie sind prominente gut vernetzte Menschen einer bestimmten Szene. Was aber sagt das über die Ausrichtung eines Magazins aus? Selbst wer aus dem Augenwinkel der Technologie schreibt, kann eine Agenda haben. Des Weiteren möchte ich dieses Magazin auch nicht mit The Daily vergleichen. Nicht weil ich ein Fan Murdochs wäre, das keinesfalls, doch ist der Anspruch eines Magazins, das jeden Tag erscheint, deutlich anders als das eines zweiwöchigen mit einer Anzahl von vier Artikeln. Die Frage ist, ob „The Magazine“ eine Institution werden kann wie eben andere Magazine es wurden. Ist das die Times, Newsweek, Atlantic, der New Yorker? Ich würde es mir wünschen. Doch ich denke, da muss mehr Offenheit herrschen.

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