Statt Jugendsender: Ein öffentlich-rechtliches YouTube-Netzwerk

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ARD und ZDF sind endlich soweit, sie wollen einen Jugendsender starten, um neben ihrem altersschwachen Publikum wenigstens noch ein paar Jüngere zu erreichen. Das hat man bislang schon mit ZDF_neo, ZDF_kultur, einplus und eins Festival versucht, nun soll es eine gemeinsame Anstrengung richten. Dabei haben nicht nur die öffentlich-rechtlichen Sender das Problem, dass Ihnen die jungen Zuschauer fernbleiben, sondern das ist zunehmend ein Problem des Fernsehens. Die junge Zielgruppe hat zunehmend Mediennutzungsgewohnheiten fernab vom Fernehen und wächst ohne oder zumindest mit weniger Fernsehen auf. Sie ist fernsehfern und wird es auch bleiben. Das macht es natürlich schwierig sie mit einem Fernsehsender erreichen zu wollen.

YouTube Nachrichten sind bislang eher Punkt 12 als tagesschau

Wo sind sie dann? Auf YouTube. Dort erhalten sie inzwischen Nachrichten, Bildung & Unterhaltung. Wäre es nicht toll, wenn man dem etwas öffentlich-rechtliche Qualität hinzufügen könnte? Denn aktuell sind z.B. die Nachrichten von Mediakraft auf YouTube zwar innovativ in ihrer Darstellungsform, schrammen inhaltlich aber öfter eher die RTL2 oder Punkt 12 Nachrichten, als in die Nähe des heute journal zu rücken. Echte Recherche aus vertrauenswürdiger Quelle, damit könnten doch ARD und ZDF punkten. Und dass spannende Reportagen geklickt und auch länger geguckt werden beweist Vice. Denn auch wenn der Titel „Die gefährlichste Droge der Welt“ sehr reisserisch klingt, verbirgt sich dahinter ein Stück, das eindrucksvoll die Auswirkungen der Euro-Krise anhand menschlicher Schicksale beschreibt. Teilweise hat das ZDF etwas in diese Richtung auch schon geschafft (z.B. „Wild Germany“, übrigens von Vice produziert), wichtig ist aber dass man diese Inhalte auch auf dem richtigen Übertragungsweg präsentiert und das ist eben für die jüngere Generation immer weniger Fernsehen. Das man das kann, hat auch YouFm (hr) gezeigt, das die legendäre YouTuberin „coldmirror“ eingekauft hat und mit ihr eine Show vor allem für YouTube produziert hat.

Plattformen nutzen und umarmen

Und damit wir uns richtig verstehen: Ich will nicht, dass ARD & ZDF der Googletochter YouTube exklusiv & kostenlos gebührenfinanzierte Inhalte liefern, aber dass sie die Plattformen nutzen und umarmen, die junge Leute nutzen. Ob diese nun Facebook, Twitter oder YouTube heißen ist zweitrangig. In erster Linie gehört dazu eine veränderte Ansprache. Im einzelnen passiert das ja: Daniel Bröckerhoff (u.a. einplus) engagiert sich rege auf Twitter, ebenso wie Jan Böhmermann. Das scheint aber eher aus Eigeninitiative zu passieren, als vom Sender gewollt zu sein. Zur Ansprach der jungen gehört ein Verstehen der Sprache die diese sprechen und da reicht nicht ihre Imitation. Ich erinnere mich noch an die Vorstellung der neuen einsplus-Sendungen in einer Art Talkrunde gesehen zu haben. Diese wurde von einer Kamera begleitet, die keine Sekunde still stand, sondern sich stets heftig hin- und herbewegte. Das erinnerte an VIVA aus den 90ern und machte innerhalb weniger Minuten auch hartgesottene Mägen seekrank. Eine schnelle, bewegte Erzählweise hat nichts Achterbahn-Kamera zu tun.

Das Öffentlich-Rechtliche muss sich mit den jungen Zuschauern vernetzen

Worauf ich im Endeffekt hinaus will ist, dass sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen eben wieder mit den jungen Zuschauern vernetzen muss und dafür gibt es heutzutage wesentlich bessere Wege, als die One-to-Many-Kommunikation über einen Fernsehsender. YouTube oder Onlinebewegtbild-Formate, die die drei Säulen des öffentlich-rechtlichen Auftrags Information, Kultur & Bildung sowie Unterhaltung erfüllen, wären doch denkbar. Formate, die aufeinander und den Nutzer eingehen, dabei hohe journalistische Qualität liefern ohne zu langweilen. Dieser Auftrag sollte sich nicht an ein Medium klammern, auch wenn viele Kräfte (Privatsender bis Verlger) genau dafür arbeiten. Junge Menschen einbeziehen, zum Nachdenken über unsere Politik anregen und ihnen beibringen das Netz und die Medien reflektiert für sich zu nutzen, ist etwas das ich mir vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk wünsche. Dazu reicht es nicht, die angestaubte Mediathek mit einem „Einslike-Banner“ zu überkleben.

Ich weiß, das ist medienpolitisch illusorisch, aber man wird ja noch von der Zukunft träumen dürfen.

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8 KOMMENTARE

  1. Ich denke mindestens eines der vielen Probleme bei diesem Thema steht bereits im Text: „…dass ARD & ZDF der Googletochter YouTube exklusiv & kostenlos gebührenfinanzierte Inhalte liefern…“
    Denn ich glaube, dass die Verantwortlichen davor sehr große Angst haben. Die Medien würden sich empören und alle würden zustimmen. Wie kann man dem bösen Google nur gebührenfinanziert Content liefern? Und darf man dann überhaupt Werbung schalten? Und wenn nicht, dann geht das ganze Geld ja an Google! Viele ungeklärte Faktoren.
    Dazu kommt, dass es offenbar weiterhin nicht gängig ist, Sprecher, Lizenzmusik und Stockmaterial freizukaufen (total buy out). Hier kann man unglaublich viel Geld sparen, wenn man das Geld nur bezahlt, wenn auch ausgestrahlt wird. Wenn Content auf unbestimmte Zeit weltweit verfügbar gemacht werden soll, kosten Produktionen nun mal ein vielfaches mehr.
    Und die Messbarkeit gibt man außerdem auch in die Hände von einem einzelnen Unternehmen. Und auch noch einem, so steht es überall, ganzganz bösen. Denn auch wenn sich die ÖR eigentlich nicht mit Quoten an den anderen messen sollen, sie tun es eben trotzdem.

  2. Also zum einen ist Christian zuzustimmen. Das wäre genauso, als würde man statt tagesschau.de News nur auf facebook posten.

    Und zum anderen eine Anmerkung: das „einslive“ im ersten Absatz meint eigentlich „Eins Festival“, oder?

  3. Hi Jannis, ich wäre gern mit Dir zusammen der YouTube-Direktor vom ZDF! Das wäre in der Tat eine spannende Sache. Allerdings gibt es aktuell dafür noch zu viele rechtliche Unsicherheiten. Der Wille und Wunsch ist sicherlich sowohl bei der ARD als auch beim ZDF vorhanden – aber so einfach ist das nicht. Unter anderem auch tatsächlich deshalb, weil es immer eine Frage ist, inwieweit originärer Content für Drittplattformen produziert werden darf/soll. Google/Facebook/Twitter sind nicht grundsätzlich böse – schwarz/weiß/BlaBla wie hier von Christian – bringt einen da nicht weiter. Aber die Medienunternehmen, egal ob privat oder ÖR, müssen sich natürlich sehr genau überlegen, wie viel Macht sie den Milliarden-Dollar-Unternehmen aus dem schönen Kalifornien noch zusprechen wollen… Ein schmaler Grat.

  4. @Philipp Richtig, ich wusste doch irgendwas an dem Namen einslive stimmt nicht als Fernsehsender…

    @Martin Ja, auch da hast du Recht. Aber ich denke man kann einen Zwischenweg finden, der alle Medien eben auch in ihrem vollen Umfang und Möglichkeiten. Wenn man sich entscheidet eine Plattform wie Facebook oder YouTube zu nutzen, dann sollte man es auch „richtig“ tun.

  5. schöne Idee aus der Sicht Erwachsener, indes völlig wirkungslos bei der anvisierten Zielgruppe. Die öffentlich-rechtlichen Sender haben diese Generation für immer verloren. Das Kürzel ARD und ZDF wirkt dermaßen ätzend auf diese jungen Leute, dass sie nicht mal in eine Beta Version reinschauen würden… kümmert Euch um Seniorensender…..

  6. Der Kommentar von Hansen ist natürlich etwas überzogen, trifft aber einen wahren Kern: Als Zuschauerin interessiere ich mich so gut wie gar nicht mehr für Sender-, dafür aber für Sendungsmarken. Weil ich meine Lieblingssendungen meist über viele verschiedene Kanäle empfangen kann, treten die produzierenden Anstalten für mich als Endnutzerin in den Hintergrund. Ein Hinweis darauf, dass es auch anderen so geht, könnte das Beispiel „Roche & Böhmermann“ sein: Als die Sendung abgesetzt wurde, gingen bei ZDFneo jede Menge Beschwerden ein – dabei war sie gar nicht dort gelaufen, sondern auf ZDFkultur.

    Soweit ich weiß, waren R&B auch nie von offizieller Seite bei YouTube veröffentlicht worden, sondern lediglich in der ZDF Mediathek zu sehen – und trotzdem ein großer Erfolg. Vielleicht braucht es also gar keine neuen Ausspiel-, sondern lediglich andere (bzw. besser genutzte) Marketingkanäle?

    Das ist im Übrigen ein Aspekt, der bei der ganzen Diskussion oft vergessen wird: Bis auf den Start von ZDFneo wurde kaum eines der neuen öffentlich-rechtlichen Jugendangebote breit beworben. Dafür ist in den Anstalten einfach kaum Budget vorgesehen. Wenn ein Imagewechsel auch neue Zielgruppen erschließen soll, muss sich das ändern.

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