Komisch – es ist 2017, die Menschheit und explizit unsere Gesellschaft in Europa ist so fortschrittlich entwickelt und immer wieder habe ich dennoch den Eindruck, dass wir in grundlegenden Dingen nicht vorankommen, nichts dazulernen und uns immer wieder in gleichen Verhaltensmustern suhlen. Wir haben Kleinstaaterei, Fürsten, Könige, Kaiser, Diktatoren, Präsidenten, Kanzler erlebt. Anarchie, Monarchien, Diktaturen, Sozialismus. Wir leben heute in der besten Staatsform, die wir kennen: in einer Demokratie, die allen Nationalitäten, Hautfarben, Gesinnungen und Glaubensrichtungen gleiche Freiheiten und Rechte zugesteht. Welch ein Triumph! Und dennoch kriselt es, Menschen zweifeln, rennen scheinbaren Wahrheiten hinterher und sind zunehmend unfähig, selbst zu entscheiden und zu bewerten, was eigentlich wahr ist, was Fakt ist. Schlimmer noch, sie wollen es nicht wissen und nehmen nur das als Wahrheit, was ihrer Weltsicht am zuträglichsten ist.

Was ist denn eigentlich Wahrheit?

Und es ist eine gute Frage: Was ist denn eigentlich Wahrheit? Für mich ist Wahrheit eine Summe von Thesen, belegbar durch Fakten. Zahlen. Zeugen. Bilder. Dokumente. Wahrheit ist keine Vermutung. Wahrheit schaut nicht auf ein Foto sondern betrachtet den Kontext, in dem es entstand. Wahrheit ist ausgewogen und betrachtet verschiedene Blickwinkel, ist unabhängig und kritisch. Wahrheit zensiert nicht, noch wertet sie. Wahrheit ist nicht subjektiv sondern immer etwas, was von unabhängigen Stellen belegt werden kann. Eine unabhängige Suche nach Wahrheit fragt Menschen außerhalb der eigenen Peer-Group, am besten ohne Interessen und Abhängigkeiten zum eigenen Thema aber eben mit genug Expertise, dennoch urteilen zu können. Möglicherweise kommt dort heraus, dass das, was ich gerne glauben möchte, Grundlagen entbehrt.

Wahrheit ist nicht immer das, was man gerne hören möchte. 🐦

Wahrheit ist also nicht immer das, was man gerne hören möchte.
Ein Raucher hört vielleicht nicht gerne die Wahrheit, dass er durchs Rauchen sein Leben ruinieren könnte. Ein dicker Mensch vielleicht nicht, dass die Süßigkeiten, die er so gern isst, ungesund sind. Ein kleines Kind nicht, dass früh schlafen zu gehen besser ist, als lang aufzubleiben. Wir haben eine Komfortzone und Wahrheit verschiebt deren Grenzen. Das kann unangenehm sein.

Wahrheit braucht Unabhängigkeit

Wahrheit braucht Unabhängigkeit. Das Ergebnis dieser Unabhängigkeit ist oft kontrovers, insbesondere für die, die ja eine andere Überzeugung und andere Glaubenssätze haben. Sicher hat Wahrheit auch immer wieder mit großen Graubereichen zu tun und kommt nicht sofort zu ihrem letzten Schluss. Wahrheit ist also oft nicht sofort ersichtlich sondern braucht Zeit. So, wie das Denken Zeit braucht. Oder das Malen eines Bildes. Wahrheit erfordert, zu recherchieren, nachzufragen, mit unterschiedlichen Strömungen zu sprechen und deren Fakten und Belege gegeneinander aufzuwiegen, zu dokumentieren und in Bezug zueinander zu stellen. Das braucht Zeit. Wahrheit verträgt keine kurzfristigen Urteile.

Wahrheit ist sehr verletzlich

Leider scheint Wahrheit sehr verletzlich. Sie war es wohl schon immer. Sie musste oft klein beigeben und kam hinter dem lauten Gerufe einer alternativen Wahrheit nicht zu Gehör. Immer wieder in der Geschichte haben Menschen ihre eigene Wahrheit als Machtmittel über andere missbraucht. Die Religionen und ihre Strömungen. Zahlreiche Diktatoren und Regierungen. Wahrheiten in Bezug auf die Fragen unserer Welt sind selten schön und noch seltener einfach. Klimapolitik: Ist nicht einfach. Sicherheitspolitik: Ist nicht einfach. Welthandel: Ist nicht einfach. Europa: Ist nicht einfach. Flüchtlingspolitik: Ist nicht einfach. Je unangenehmer und komplexer die Wahrheit ist, desto schwerer wird sie akzeptiert.

Je einfacher sie aber scheint, je kurzfristiger ihr Problemlösungsansatz und je schöner die rosigen Folgen für jeden einzelnen, desto dankbarer springen die Menschen auf. Wenn mit Mauern und Zäunen, Abschottung und Kontrolle, Eigenbrötlerei statt Kooperation, mit Kleinstaaterei und Fingerzeig eine Problemlösung daherkommt, wird sie nur zu gerne als einfache Wahrheit angenommen. Da unterscheidet sich die wahrgenommene Wahrheit wenig von einem Tipp zur immer schon gewollten Schlankheit mit der neuesten Diät. Nur hat der Nutzen einer scheinbaren einfachen Wahrheit keine Schnittmenge mit der nachhaltigen Lösung von Problemen durch ausgewogene, ehrliche und vielseitige Betrachtung, eben durch die wahre Wahrheit. Eine scheinbare, alternative Wahrheit ist nur eins: Eine Lüge.

Höchste Zeit die Wahrheit zu verteidigen

Perfide ist, eben diese ausgewogene, ehrliche, faktentreue und vielseitige Betrachtung als Lüge und die, die sie recherchieren, belegen und verbreiten als Lügner abzutun: die Reporter, Journalisten, Wissenschaftler, Zeitzeugen, Historiker. Wenn das nun nicht mehr nur die machen, die es nicht besser wissen, wenn sie montags in Dresden auf die Straße gehen sondern nun gewählte Staatsmänner und die, die es bei uns gerne werden wollen: wenn Unwahrheit salonfähig werden soll, wenn Kritiker ausgeladen werden, weil ihre Einschätzung die eigene Wahrheit stört – dann ist es höchste Zeit die echte Wahrheit zu verteidigen und für Freiheit, Unabhängigkeit und Offenheit einzustehen und scheinbare Wahrheiten an jeder Stelle jedem gegenüber zu enttarnen und offen zulegen.

Lasst es uns nicht dabei belassen, die zu verteufeln und abzulehnen, die einer alternativen Wahrheit anhängen. So schwer es fällt: Wir müssen kommunizieren. Uns erklären. Die Fakten darlegen. Immer wieder. Mit offenem Visier. Vielleicht 1000 mal. Nur dann bleiben wir das, was wir gerade noch sind: Frei im Handeln, frei im Denken, weltoffen, mitfühlend, solidarisch, europäisch. Andersdenkende, Wahrheit, Fakten und Beweise abzulehnen, weil sie einem nicht gefallen oder schlimmer noch, sich nicht einmal damit auseinanderzusetzen: Das ist töricht, des 21. Jahrhunderts unwürdig und brandgefährlich. Für uns alle.


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