„Ich habe Krebs“

Soll der Mensch von der Erfahrung mit dem Sterben erzählen, fragen sich die Medien. Ein Kommentar.

Der Mensch, der einem möglichen Ende nahe steht, mag viele Gründe haben, einen Text dieser Intimität zu verfassen. Er macht sich gläsern, lässt zu, vielleicht mit dem Wissen der tatsächlichen Mächtigkeit schon gegenüber gestanden zu sein. Wohlmöglich möchte er Anerkennung, wünscht sich Mitleid, gewiss aber Aufmerksamkeit; ein Wort, das so oft für etwas negatives steht, als seien nur die jenigen darauf aus, die es nicht dazu brächten. Jürgen Leinemann („Das Leben ist der Ernstfall“, Auszug), wie auch Christoph Schlingensief („So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!“)und Georg Diez („Der Tod meiner Mutter“) schrieben jeweils ein Buch über eine – vielleicht die größte – Tragödie ihres Lebens und durften sich neben der Bewunderung auch den Kommentaren der Kritik stellen. Kalt hieß es in der Frankfurter Allgemeinen „Lasst uns mit eurem Krebs in Ruhe“ und im Freitag ist dieses Thema ein „gern gelesene[r] Exhibitionismus mit offenem Mantel und schmierigem Grinsen“. Man verdenkt dem Leidenden seine Öffentlichkeit, als sei sie ungebräuchlich, selbstherrlich, unästhetisch, ganz und gar Boulevard; das Schimpfwort des Feuilletons.

Die Dimensionen dieser Kritik sind eine gedankenlose Anmaßung, ein marodes Wollwerk scheinbarer Wichtigkeit und Notwendigkeit, weil sie die Kunst in Frage stellen, die so offenkundig weder dem Geld noch der Kunst Willen erschaffen wurde. Sie schreit nahezu hinaus, beachtet zu werden, möchte berühren und scheinbar nervt sie aus diesem Grund auch einige in ihrer fassadelosen Transparenz. Sie spielt kein Versteckspiel, ist weit weniger zerrissen und verzweifelt als Kafkas „Schloß“, aber bricht eine Ideologie, indem sie die des Sterbens aus der privatesten Ebene wie aus einem Tagebuch erzählt.

Man muss sich gefallen lassen, nicht in erster Linie unterhalten zu werden, sondern eine persönliche Dokumentation zu lesen. Der Detailreichtum macht diese Erzählungen zu schweren Geschichten, aber nicht mehr sind sie letztlich. Wer darin fehlende Selbstwürde sehen möchte, stellt den Menschen mehr ins Rampenlicht als die eigentliche Thematik – das Sterben. Sicherlich sind die Autoren nicht selbstlose Zeitgenossen, im Gegenteil, sie teilen sich über eine Zeit mit, in der sie nur sich selbst sehen konnten. Die Vorwürfe sind lose Urteile über etwas, das keinen richtigen Umgang kennt, weil es eine absolute Grenzerfahrung ist, es für den Einzelnen zum Mittelpunkt avanciert, fern ab irgendwelcher Meinungen über die Wirkung und Notwendigkeit in der Öffentlichkeit. Das Leiden war es stets wert, nicht verschwiegen zu werden.

(Das Foto zeigt eine Brustkrebszelle und entstammt dem Archiv des National Cancer Institute und ist frei nutzbar. Die Amazon-Links in diesem Artikel sind Affiliate-Links)

2 KOMMENTARE

  1. Ich habe ein Essay dazu bereits im Spiegel gelesen. Ebenfalls habe ich Auszüge aus dem Leinemann Buch im Spiegel lesen können und finde die Diskussion wichtig. Ich hatte selber mit 16 Jahren eine Krebserfahrung (ist eine längere Story) und war ziemlich empört über die Auszüge aus dem Buch des Herrn Leinemanns. Ich habe auf der onkologischen Station Kinder gesehen die wenig später verstorben sind. Diese Kinder hatten allerdings an den einfachsten Sachen den größten Spaß. Leid wurde durch Sie nicht vermittelt. Herr Leinemann dagegen (in den paar Passagen die ich gelesen habe) legt ein Selbstmitleid an den Tag der einfach nicht fair ist. Krebs kann jeden treffen und wohlhabende Menschen wie Herr Leinemann, die sich eine erstklassige Behandlung und die besten Ärtzte leisten können, wissen gar nicht wie es ist wenn eine „normale“ Familie aus ihrem Alltag gerissen wird. Nur diese vielen Schicksale bekommt man gar nicht mit weil diese Menschen keine Lobby in der Öffentlichkeit haben und sehr wahrscheinlich auch nicht wollen. Krebs ist, anders als Aids, nicht ansteckend und von daher muss man auch nicht so viele öffentliche Debatten über Krebs führen wie bei Aids wo sich wirklich jeder mit anstecken kann.

    Das Herr Leinemann derart eingeschränkt ist tut mir wirklich leid aber es gibt wie gesagt weitaus schlimmere Fälle. Mein Tipp an für alle die in Selbstmitleid verfallen: Immer dran denken, dass es irgendwo auf der Welt mindestens einen Menschen gibt dem es schlechter geht und aus Respekt vor diesem unbekannten Individuum sollte man eher positiv jeden Tag mit seiner Familie und seinen Freunden genießen. Ich persönlich würde mich vor eigenem Selbstmitleid ekeln. Er kam auf. Ich brauchte allerdings nur diesen einen Gedanken einzufangen und schon viel mir der Umgang mit der Krankheit leichter.

Kommentar verfassen