Wir diskutieren hier im Netzfeuilleton ja gerade über die Zukunft der Medien. Es wird aufgerufen, die eigene Meinung zu mitzuteilen.
Zukunft
Wann ist die Zukunft? Ist sie morgen? In zehn Jahren, in fünfzig oder hundert? In einer kurzen Zeitspanne kann sich viel verändern, das auch den aufmerksamsten Beobachtern entgeht. Ich bezweifle, dass ich Anfang des letzten Jahrhunderts an eine Mondlandung geglaubt hätte. Ich bezweifle, dass ich in den 90ern an Arnold Schwarzenegger als amerikanischen Politiker geglaubt hätte. Ja, trotz Martin Luther King war der Sieg Obamas für mich vollkommen überraschend. Die Geschichte verläuft nach keinen Mustern, die ich verstehen kann. Für mich ist sie trotz aller hierarchischen Modelle, die unsere menschlichen Gesellschaften stützen etwas vollkommen anarchisches. Die Schönheit liegt in der Ungewissheit des Blickes in die Zukunft.
Medien
Ob Blogs, Zeitungen oder bemalte Höhlenwände, die Gemeinsamkeit besteht darin, dass ein Schöpfer und Betrachter notwendig sind. 1 Mit dem Internet sind viel mehr Schöpfer hinzugekommen, aber das bedeutet nicht, dass jede Stimme gehört wird. Es ist immer noch alles wie bisher: die Prominenz zieht die neue Prominenz heran. Verändert haben sich aber die Figuren in manchen Branchen: ein neues Techblog hat mehr von einem Link als von einem abgedruckten Artikel in irgendeiner Chip oder PCgo 2 Aber das ist nicht überall so, in den meisten Bereichen entsteht Relevanz immer noch bei den “herkömmlichen Medien”. Wikileaks beispielsweise wurde erst wirkliche Aufmerksamkeit geschenkt, als sie mit Spiegel, Guardian und New York Times kooperierten.
Die Macht der Leitfiguren, die man gerne auch als “die Medien” bezeichnet, wird sich vielleicht verschieben, sie wird anderen in die Hände fallen. Das wird sich mit einem anderen Trend verbinden, der in den Vereinigten Staaten bereits zu spüren ist. Opinion Leaders haben mehr Aufmerksamkeit als Berichterstattung, der Erfolg von Fox News – immerhin meist gesehener Nachrichtensender in den USA – beruht auf Figuren wie Bill O’Reilly und Glenn Beck. Sie sind die neuen Mächtigen und nicht nur im Bereich der Politik: Oprah Winfreys “Book Club” hat die Bestsellerlisten bestimmt. Es gibt kaum Zweifel daran, dass das Internet hier in Konkurrenz tritt, jeder kann nun einen Buchclub eröffnen. Die Herausforderung der alten Prominenz wird es sein, einen Platz im Internet zu finden. Wahrscheinlich werden so manche Namen verblassen und völlig neue entstehen. 3
Internet
Der wirkliche Unterschied zwischen damals und heute ist vielleicht die Bündelung des Angebots. Eine Zeitung hat eine Auswahl an Artikeln, ein Fernsehsender hat eine Auswahl an Sendungen. Das Internet aber wird in Häppchen genossen, etwas hiervon und etwas davon. Man hört ein Lied, kein Album mehr. Man liest einen Artikel und nicht die ganze Zeitung. Wer der Metapher zum Ursprung folgt, entdeckt auch Parallelen: Fast Food ist Gegenwart. Diese Unmengen aber sind kaum zu bewältigen und das bedeutet, dass Filter kommen werden, das Wort Personalisierung wird eine ganz andere Bedeutung einnehmen und es wird viele Bücher geben, die Kritik üben werden.
Der Schritt ins Internet ist in meinen Augen kaum zu überwinden. Fernseher werden irgendwann nur noch mit Lan-Kabel verbunden sein. Vielleicht gehen die verschiedenen Medienriesen Partnerschaften ein, nachdem man irgendwann vor der unkontrollierten Vervielfältigung kapituliert hat. Vielleicht sieht man irgendwann nicht mehr die Tagesschau bei der ARD, sondern einfach die Tagesschau und die ARD nimmt nur noch die Rolle der Produktionsfirma ein. Bereits jetzt sind Dank der Onlineangebote die Zuschauer der Daily Show oder von South Park nicht zwangsläufig Comedy Central-Zuschauer.
Eine solche Veränderung aber würde Standards bedeuten. Die gibt es bis heute noch nicht, Mediatheken sind einfach nur Internetseiten und sie funktionieren nicht alle gleich. Die Gegenwart verdeutlicht wie sehr Formate gegeneinander kämpfen 4. Zur Zeit ganz gut bei den E-Readern zu beobachten. Vielleicht gibt es irgendwann eine Einigung wie sie auch bei VHS, DVD oder MP3 getroffen wurde. Verhandlungen aber führen nicht immer zu einem Kompromiss, wohlmöglich gibt es in der Zukunft viele verschiedene Angebote und das Konzept des Kanals bleibt bestehen, ziemlich sicher aber wird sich die zeitliche Beschränkung verändern. 5
Physis
Die Neue Züricher Zeitung wurde 1780 gegründet. Das ist über 200 Jahre her und das Format der Zeitung existierte trotz Fernsehen und Teletext. Das aber lag einfach daran, dass diese Technologien der Zeitung nicht das Wasser reichen konnten. Mit dem Internet aber ändert sich dies und so war der Lauf der Dinge stets. Als die Fotographie Einzug hielt, hörten die Maler auf realistische Bilder anzufertigen. In den Fokus rückten nun die Werke, die die Wirklichkeit andersartig wiedergaben. Die Kunst starb also nicht aus, sie nahm aber eine andere Wendung. “Print” wird auch nicht sterben, allerdings werden auch Traditionsblätter irgendwann aufhören, Tageszeitungen zu drucken. Denn es wird sich schlicht nicht mehr lohnen.
Die Frage ist, ob das Format der Zeitung – gebündelte Information – ausstirbt und die Nachrichtenseiten wie sie heute bekannt sind, die Entwicklung fortschreiten. Wie viele Menschen wären bereit für diese Bündelung und Exklusivtexte zu bezahlen? Oder wird Geld auf eine andere Weise verdient? Bevor diese Frage überhaupt so eine Relevanz einnehmen kann, muss klar sein, woher eine solche Zeitung bezogen wird. Auch hier geht es um Standards. Das World Wide Web hat mit HTML und dem Browser die Möglichkeit geschaffen, Inhalte zu lesen. Wer allerdings heutzutage eine Zeitung auf dem iPad kauft, hat sie erstens nicht gleichzeitig auf einem anderen Gerät und besitzt außerdem nicht die identische Publikation. Die meisten Zeitungen sind Apps und haben mit einer Zeitung der Zukunft weniger gemein als mit der Multimedia CD der 90er Jahre.
Gebraucht wird hier also weiterhin eine Vorgabe, ein Format etwa und letztlich eine Art Kiosk, der die verschiedenen Zeitungen anbietet. Das aber wird auch andere Probleme mit sich ziehen, die Bild zensiert beispielsweise die Fotos ihrer entkleideten und hauptsächlich weiblichen Models ihrer iPad-Ausgabe und was ist mit Zeitungen wie die “Jungen Freiheit”? Werden sie in so einer Welt überhaupt Zugang finden?
Traditionsblätter wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung werden ausharren wie sie sich damals lange weigerten, ein Farbfoto auf die Titelseite zu drucken oder sich der Rechtschreibreform anzupassen. Die Wochenzeitung wird vielleicht auch eine lange Zeit gedruckt werden. Musik und Geschriebenes ist nicht identisch. Die Kunden von Buchklassikern werden vielleicht weiterhin auf etwas gedrucktes bestehen und bestimmte Veröffentlichungen, Kunstbücher etwa wird es sicherlich noch eine lange Zeit in gedruckter Form geben. Doch nach einigen Generationen könnte der Wechsel ins Digitale vollzogen sein.
Print wäre dann nicht tot, aber bereits heute sehen wir immer mehr Flachbildschirme wo früher Plakate hingen. Gedrucktes hätte sicher seine Renaissance, sicher auch stärker als die Vinyl-Platte und sie hätte einen Platz wie sie noch lange einen wichtigen Platz haben wird. Aber vielleicht nicht ewig wie heute. 6
Geld
Es gibt Leute wie Jeff Jarvis, die vermuten, dass etwa Zeitungen nicht unbedingt durch Journalismus Geld verdienen müssen, sondern mit den Gewinnen diesen finanzieren. Auf diese Weise finanzieren sich heute natürlich die allermeisten Blogger, man arbeitet und finanziert das Blog mit. Es gibt nur wenige Blogs, die bisher anderweitig existieren. Dienste wie Flattr oder Kachingle haben den Massenmarkt nicht überzeugt. Jemand wie Tim Pritlove mag mit Flattr seinen Lebensunterhalt bestreiten können, das aber hängt damit zusammen, dass sein Publikum ein speziell technisches ist.
Im oben genannten Beitrag wird Schwarzkopf angesprochen, die aus ihrer Internetseite mehr Informationsportal als Produktseite gemacht haben. Die Frage ist natürlich wie objektiv ein Unternehmen über diese Themen berichten kann, für die es Produkte anbietet. Selbst wenn Schwarzkopf sich als investigatives Beispiel herausstellen sollte, bedeutet dies nicht, dass sich Nachfolger genauso korrekt verhalten. Wenn eine Zeitung, wie Jarvis überlegte, Produkte anbietet um den Journalismus zu bezahlen, wird sich immer die Frage stellen, wie sehr die eigene Pressefreiheit darunter leidet. Im erwähnten Beitrag wird auch angeführt, dass einige Unternehmen nur Werbung buchen, um Druck auf die Zeitungen auszuüben.
Die Unabhängigkeit ist aber eine deutlicher Faktor, denn die Opinion Leaders sind nicht für die Berichterstattung zuständig. Sie reisen nicht zu den Kriegen, sondern erzählen, was sie von ihnen halten. Auf diese Weise gibt es aber keine neuen Informationen. Vielleicht wird also Crowdfunding eine größere Rolle spielen. Das Common Language Project etwa hat die letzte Reportage in Syrien, der Türkei und dem Irak mithilfe von Kickstarter.com finanziert. 7 Wenn für Journalismus auf diese Weise bezahlt wird, steigert das allerdings die Qualität? Werden es immer fähige Menschen sein, die bestimmte Gebiete bereisen? Wie kann sicher gestellt werden, dass es keine Spender gibt, die Einfluss nehmen?
Es wird stets Journalisten geben, wie es Musiker gibt und Maler, obwohl die Wahrscheinlichkeit auf ein Leben in Reichtum nicht besonders groß ist. Wikileaks entstand nicht mit dem Wunsch Millionenbeträge mit Spenden zu verdienen. Diese Sachen werden nicht verschwinden, wenn das Geld knapper wird. Schöpfer werden nicht aussterben. Ein Schöpfer muss kreieren. Etwas anderes bleibt ihr nicht übrig.
Wahrscheinlich ändern sich aber bestimmte Wege der Finanzierung. Vielleicht wird es Zuschüsse geben wie es sie von der Filmförderung gibt. Vielleicht werden große Unternehmen wie Google oder Microsoft (Microsoft ist ja schon an MSNBC beteiligt) Geldgeber sein. Lange finanzierte Google YouTube ja ohne dabei etwas zu verdienen und die Seite ist vielleicht das Aushängeschild der medialen Veränderung. 8
Unsinn
Aber die Zukunft ist ungewiss und diese “Erkenntnis” ist wichtiger als diese Absätze. Die Medien wie sie hier existieren, sind nicht die Medien wie sie in Äthiopien, Marokko oder dem Kosovo existieren. Morgen könnte eine Krieg ausbrechen, der uns alle betrifft. Vielleicht ändern sich die Bedingungen des Internets, vielleicht platz die Startupblase, vielleicht gibt es den ersten großen Daten-GAU, der diesen Namen wirklich verdient hat. Wer weiß das schon? Die Medien sind menschliche Schöpfungen. So lange Menschen existieren, wird es sie geben. Das ist die einzige Konstante der Zukunft 9.
Dieses Bild ist von Brummkreiseling. Er hat mir die Benutzung vor einer Weile erlaubt.
Notes:
- Wobei Schöpfer und Betrachter ein und die selbe Person sein können. Nach allem, was bekannt ist, hat beispielsweise Henry Darger seine Kunst nur für sich selbst erschaffen. ↩
- Falls letztere eigentlich noch existiert. Wie viel Geld ich für vermeintliche Windows-Beschleunigungs-Programm-CDs ausgegeben habe… ↩
- Versucht wird es schon sehr deutlich: Als Conan O’Brien seine Show auf NBC verlor, versuchte er mit seinem “Team Coco” im Internet eine Gefolgschaft zu finden. Bei einem seiner Late Night Host-Kollegen, Craig Ferguson, ist die Lesung von Tweets längst Teil der Show. ↩
- Dahinter steckt ja sehr sehr viel Geld. Interessant ist beispielsweise die fortlaufende Geschichte um den H.264 Codec. ↩
- Es wird hier sehr deutlich wie sehr all das allerdings an Verhandlungen oder gar Gesetzen gebunden ist. Es müsste sich hierzulande einiges ändern, damit die Tagesschau ihr Angebot nicht auf ein paar Wochen limitieren müsste. Das Lizenzrecht zeigt ja anhand des Streits zwischen GEMA und YouTube, dass eine Versöhnung an Geld oft scheitert. Ein weiterer Aspekt bei den Lizenzrechten in der Musik ist deren strikte Limitierung. Wer Scrubs auf DVD kauft, bekommt beispielsweise die Musik aus dem Fernsehen zu hören, bei Netflix allerdings mussten einige Songs ausgetauscht werden. Ein Teil des künstlerischen Werks wird also verändert, um keine Gesetzesbrüche zu riskieren. Ein weiteres Beispiel, dass ich gerne wähle ist die tolle Sendung Cold Case - aufgrund von Musiklizenzen ist die Sendung bisher nicht auf DVD erschienen. Wer die Folgen also sehen wollte, bevor CBS einige von ihnen online stellte, musste entweder auf Wiederholungen im Fernsehen warten oder auf andere Quellen zurückgreifen. ↩
- Das Leben ohne Papierkram aber halte ich für einen Mythos. Es wurde mit Computern nicht weniger Papier verschwendet sondern sehr viel mehr – und die Bürokratie wächst statt zu schrumpfen. ↩
- Interessant ist, dass CLP weit weniger Leser hat als genannte “Opion Leaders”. Die Seite finanziert sich außerdem nicht durch Werbung, sondern allein durch Spenden. ↩
- MTV Deutschland etwa floh ins PayTV. Doch selbst dort ist es nicht vor YouTube sicher. ↩
- , glaube ich. ↩
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January 6th, 2012 → 3:44 pm @ Pell
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