Liebes MTV-Team,
sehr gut erinnere ich mich noch an einen regnerischen Abend vor einer längeren Zeit. Ich besaß keine Motivation für die Hausaufgaben und begab mich aus trübseeliger Langweile vor das Fernsehgerät. Ein altes Röhrenmodell, das für das Zappen kaum zu gebrauchen war. Nach jedem Knopfdruck musste man mehrere Sekunden warten, bis das andere Bild zu sehen war. Es lag aber nicht daran, dass ich an diesem Tag nicht umschaltete – viel mehr war es die gröhlende Stimme eines Kurt Cobain, die mich absolut in den Bann zog. Es mag nach einem Klischee klingen, aber dafür bin ich MTV ewig dankbar.
MTV war mehr als ein Sender, es war ein Phänomen, der Inbegriff der Popkultur, ein absoluter Kult – schon zu Beginn. Ihr konntet die Lücke füllen, die seit dem Weltruhm der Beatles beständig wuchs. Ihr wart der Plattenladen des Fernsehens, die Musikzeitschrift im Bewegtbildformat und die erste Liebe jedes Teenagers.
Zwar kritisierten euch auch schon zu euren Blütezeiten sehr viele Musiker, aber niemand würde ernsthaft leugnen, dass ihr vielen jungen Menschen die Tore zur Welt der Töne eröffnet hattet. Ob man die verschiedenen musikalischen Epochen eurer bisherigen Geschichte nun mochte oder nicht, widerspricht nicht dem besonderen Wert eurer Bandbreite für die Hörer und die Künstler.

Heute steht euer Programm nicht mehr für diesen Wert. „Flavor of Love“, „Exposed“, „Next“, „Parental Control“, „Date my Mom“ heißen nun die Schlagworte. Das sind Sendungen, die euch keinen Cent kosten und im Viacom Imperium herumgereicht werden wie die Ketchupflasche am Mittagstisch. Tragischer als ihre einfältige Vielfalt ist ihr fragiles Niveau, das sich mit der Zeit im ständigen Unterbietungskampf zu befinden scheint. Ihr sprecht nicht mehr die Sprache mit den Künstlern, sondern die der Exekution aller Sinne, und hinter den Kulissen geht es nur noch um Zahlen.
Nein, entgegen der Aussage eurer Geschäftsführerin Cahtherine Mühlemann kommen diese Formate bei den Jugendlichen nicht an. Sicherlich mögen die Quoten eine Attraktivität belegen, doch ist dies zum Teil ein Trugbild – die Zielgruppe hat nur das zu schlucken, was man ihr vorsetzt. Ihr seid also gar nicht in der Lage wirklich deutlich festzustellen, ob andere Angebote nicht doch auf größere Resonanz stoßen könnten. Auch entsprecht ihr nicht dem Zeitgeist heutiger Tage, sondern formt ihn Dank eurem Einfluss selbst.
Internationale Größen wie Justin Timberlake kritisierten diese traurige Programmausrichtung ebenso und auch hierzulande sprechen die Reaktionen einiger bekannter Gesichter Bände: Bushido beendete die Kooperation mit MTV und sein Rivale Sido konnte es sich nicht verkneifen, den erwähnten „Zeitgeist“ satirisch anzufechten.
MTV war einst in einer Reihe zu nennen mit Ereignissen wie Woodstock – die Bedeutung ist nicht der Profit, sondern der Wert für die Menschen. In Erinnerung behalten wir Rockerfeller nicht für seine starre Unternehmensführung, sondern für seine großzügigen Wohltaten. Ein Künstler lebt für sein Schaffen, selbst wenn er nicht davon leben kann. Als Musikfernsehen dieses Prinzip in jedem Umfang so zu ignorieren, schreit förmlich nach einer Namensänderung.
Möchte man auf MTV tatsächlich Musik hören, wird man eine Koffeinüberdosis nicht vermeiden können. Nachts laufen tatsächlich Videos aus alten und heutigen Tagen. Und drei Mal im Jahr darf man sich Dank den gesponserten Festivals „Rock am Ring“ und „Rock im Park“ sogar tagsüber auf Musikgenuss freuen. Wieso verbannt man aber Sendungen wie „TRL“ oder „brand:neu“? Wieso interviewt euer Aushängeschild Markus Kavka bekannte Bands und Solokünstler für KabelEins und nicht für euch? Haben wir auf schreckliche Ereignisse wie in Winnenden zu hoffen, wenn wir Musik statt Datingshows sehen möchten?
Niemand erwartet, dass ihr keine anderen Formate ausstrahlt, so lange diese irgendwie im Kontext stehen. „Sarah Kuttner – Die Show“ hatte beispielsweise nur am Rande etwas mit Musik zu tun, besaß aber dennoch einen Bezug. Ebenso befinden sich beispielsweise „Masters“ „Made“, „Real“, so wie diverse Cartoons und Comedysendungen sicherlich nicht außerhalb dieses Rahmens. Auch das neu gestartete „Home“ ist trotz mangelnder schöpferischer Qualität, nicht fehl am Platze. Nur sind das absolute Ausnahmen im Dschungel der Datingshows.
Junge Menschen kennen tatsächlich mehr als Klingeltöne und die neuen Liebesillusionen eines „Flavor of Love“. Musik hören sie übrigens auch noch und neue Songs entdecken sie primär nicht nur auf YouTube. Sie können sich auch meistens kein PayTV leisten. Der Horizont eurer Zielgruppe ist nicht so beschränkt wie euer Einschätzungsvermögen. Man kann natürlich jegliche Kritik ignorieren, aber .. ach wieso die Mühe?
Ich danke euch für den Schubs in die Welt der Musik und mit Bedauern möchte ich euch davon verabschieden.
Lebt wohl.
Das Logo gehört MTV und wurde von der Wikipedia Seite verwendet.
mehr…

Knut
7 Monatn veröffentlicht
@j.j.j.
lieber ein pubertärer Brief als deine pränatale Rechtschreibung!
Andres
7 Monatn veröffentlicht
Komisch das sich gerade die “älteren” aufregen wie schlecht MTV/VIVA mittlerweile ist
MTV wird es wohl genauso ergehen wie AOL oder General Motors. Beide Unternehmen waren Jahre,viele Jahre völlig resisdent gegenüber jede Konstruktive Kritik, besondern die Wünsche der Kunden wurden einfach durch 0815 Parolen weggeschmiert. Lasst MTV Untegehen wenn sie nicht mehr das machen was sich viele Kunden wünschen. Ich schau lieber Go TV oder Deluxe Music, denn da kommt viel, viel mehr Musik. Sowas möchte ich schließlich von ein Musik Sender hören und nicht die tausendste Version von irgendeiner Dating Show.
Hossa! Hossa!
7 Monatn veröffentlicht
Generationenwandel: Deluxe Music hat’s verstanden.
Maria
7 Monatn veröffentlicht
Ich mag die meisten dieser Sendungen,
denn sie sind unterhaltsam und dienen der Ablenkung.
(Flavor Flav, I love New York, Family Guy, …etc)
Genau richtig, um vom stressigen Unialltag abzuschalten.
Wie einige richtig bemerkt haben,
kann man Musikvideos auch im Internet ansehen!
Annette
7 Monatn veröffentlicht
Für mich fings damit an, dass aus MTV Europe MTV Germany wurde.
Ich liebte MTV früher schon allein dafür, dass ich dadurch Englisch lernen konnte.
Danke, Ray Cokes, Steve Blame, Ingo Schmoll und Pip Dann, Ihr wart meine Helden!!!!
Und wenn ich mal so überlege, gibt es eigentlich noch VJ’s?
Wenn ja, außer vielleicht Markus Kavka (sofern er überhaupt noch bei MTV ist), fällt mir leider kein Name ein…
Tagebuch 2.0 (beta) » Blog Archive » Linksammlung vom 11. Januar bis 15. Januar
7 Monatn veröffentlicht
[...] Ein offener Brief an MTV | netzfeuilleton.de – Dem kann ich mich nur anschließen – MTV ist schon lange kein "MUSIC TeleVision" mehr … (articles MTV offener_brief ) Tags: postalicious This entry was posted on Freitag, Januar 15th, 2010 at 16:00 and is filed under Links. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Both comments and pings are currently closed. [...]
Geschichte und so Zeugs » Links der Woche
7 Monatn veröffentlicht
[...] Ein offener Brief an MTV [...]
Und da war da noch… 2010-01-17 « h t t p : / / m a l i s o n . o r g
7 Monatn veröffentlicht
[...] Brief an MTV – > http://netzfeuilleton.de/2010/01/ein-offener-brief-an-mtv/ Share and [...]
boring
7 Monatn veröffentlicht
who cares? tv is dead!
melodica
7 Monatn veröffentlicht
Zumindest das Argument mit dem armen, armen Bushido lasse ich hier nicht gelten.
MV hat das zwar nicht öffentlich angeprangert (warum auch, würde nur die von Mythos des guten Gangstahs geblendeten Bushidofans vergraulen), aber hat hier jemand mitbekommen, was Bushidos erste Reaktion war, als MTV/VIVA beschlossen haben, sein Video nur noch auf VIVA zu zeigen (mal ungeachtet aller Gründe)?
Ja, einige finden das dann wieder richtig geil, dass er zu MTV gegangen ist und mit seinen mitgebrachten Schlägerkumpels getobt und Stühle und Einrichtung zerschlagen hat. Wie kann man einen solchen Menschen nur bewundern?
Steff
7 Monatn veröffentlicht
Eine der besten Sendungen, die es auf MTV jemals gegeben hat: MTV Sushi. Da lief unter spärlichen Moderationen noch klasse Musik. Und wurde wohl auch genau deswegen sehr zügig wieder abgesetzt. Schade.
Und da war da noch… 2010-01-24 | h t t p : / / m a l i s o n . o r g
7 Monatn veröffentlicht
[...] Brief an MTV -> http://netzfeuilleton.de/2010/01/ein-offener-brief-an-mtv/ [...]
entertain1 Support für: “Ein offener Brief an MTV” von netzfeuilleton | entertain1
7 Monatn veröffentlicht
[...] 7. Januar hat “Pell” genau hier einen offenen Brief veröffentlicht der wohl Millionen aus dem Herzen spricht. Dieser spiegelt [...]
1100101
6 Monatn veröffentlicht
ich persönlich finde immer noch, dass die entwicklung von mtv absehbar und konsequent war. MTV ist halt auch kein teenager mehr, sondern mtv ist 29 jahre alt! sprich in einem jahr ist mtv älter als seine zielgruppe! mtv war natürlich eine visuelle revolution als es erschaffen wurde, aber ganz ehrlich, wie lange kann etwas avangardistisch und revolutionär sein? der reiz von mtv bestand vor allem auch immer in seinem gelebten dilletantismus und das genau dieser immer wieder erneuert wurde! zu erst mit mtv usa (die nicht wussten was sie taten), dann einem erneuten start in europa und als es da dann langsam professionel wurde ist mtv deutschland mit neuen dilletanten (unter anderem mir) auf der bildfläche erschienen. aus einer kleinen punkrock barracke in münchen wurde dann auch zwangsläufig ein großes unternehmen! das hauptproblem in der ganzen diskussion ist aber auch noch ein ganz anderes. nämlich das jeder “das mtv seiner zeit” im nachhinein glorifiziert. klar fand ich auch ray cockes super, aber ganz ehrlich: würde der heute noch funktionieren und jugendliche begeistern? und wenn ich mich richtig erinnere fanden wir eigentlich alle kristiane backer scheiße, bis eine gewisse heike makatsch auf der bildfläche erschienen ist! dann fand man einige jahre heike doof und hat sich kristiane backer zurück gewünscht! jetzt sieht man gülcan und wünscht sich zurück in die zeit mit heike makatsch. und die heute 13jährigen werden in 10 jahren gülcan nach weinen. die meisten von uns müssen einsehen, dass sie nicht mehr zur zielgruppe gehören und erwachsen geworden sind. zum thema musik muss man dann auch leider sagen, ist es heute nicht mehr zeitgemäß sie übers tv zu konsumieren. klar war es für uns früher romatisch wenn wir 3 stunden vor der glotze hingen, nur weil wir unseren lieblingsclip sehen wollte. wenn dann smells like teen spirit gelaufen ist sind wir vor freude durchs zimmer gehüpft und haben noch mal 3 stunden gewartet. aber wieso sollte sich das heute noch jemand antun? heute geht man nunmal auf youtube, gibt smells like teen spirit ein, schaut sich das video 5 mal am stück an und ist glücklich! auf uns mag das unromatisch und doof wirken aber es ist nunmal zeitgemäß und einem heute 13jährigen vor zu halten was cool ist, ist am ende vom tag auch immer ein bisschen altbacken und peinlich! musik hat leider auch seine jugendkulturelle identifikationswucht verloren. sprich seit der rave bewegung gab es keine jugendkultur mehr unter einem musikalischen dach! dadurch ist das thema musik und popkultur auch leider zu komplex geworden um es in einem tv programm authentisch ab zu bilden. auch da ist das internet dem tv überlegen. zu guter letzt noch zum thema klingeltöne. ganz ehrlich, schaut ihr fernseh wegen dem programm oder der werbung? werbung geht einem immer auf den kecks. zugegeben die klingeltöne haben eine neue qualität (im negativen sinn) an nervfaktor geschaffen, aber vor ca 10 jahren liefen total nervtötende spots für seltsame hippicompilations (“hello darkness my olf friend…. wir waren jung..)! das ging einem tierisch auf den kecks! und genau wie bei kristiane backer wünscht man sich heute die olle 60s compilation zurück! MTV ist jetzt halt auch schon 29 Jahre alt!
Kavka: Hamma wieder was gelernt | netzfeuilleton.de
4 Monatn veröffentlicht
[...] Ein offener Brief an MTV [...]