
Tobias L.* wurde in seiner Kindheit regelmäßig vom eigenen Vater sexuell missbraucht und auch dabei gefilmt. Heute versucht der 22-jährige Informatik- und Jurastudent mithilfe einer Therapie mit seiner Vergangenheit umzugehen. Nach dem ersten Teil über die Netzsperren gegen pornographische Inhalte mit Kindern, erzählt Tobias L. heute über den Missbrauch selbst und wie die Gesellschaft mit diesem Tabuthema umgeht.
Netzfeuilleton: Was kann die Gesellschaft gegen Missbrauch tun?
Tobias L.: Oftmals sehen Verwandte und Bekannte nur zu, wenn soetwas in Familien geschieht. Genauso dürften auch Lehrern und anderen Menschen Flecken, u.s.w. auffallen, wenn es regelmäßig geschieht. Nur machen die wenigsten etwas, vielleicht aus Angst, aus Desinteresse oder weil sie sich auch täuschen könnten. Die Gesellschaft muss endlich aufwachen. Das sind Menschen, die gezwungen werden, Sex zu haben. Das ist Vergewaltigung. Das sind Traumatisierungen. Davon kommen die meisten nie wieder los.
Netzfeuilleton: Wie gehen sie heute damit um?
Tobias L.: Ich bin seit mehreren Jahren in Therapie und ich denke, dass sich das vorerst auch nicht ändern wird.
Netzfeuilleton: Wie darf man sich eine solche Therapie vorstellen?
Tobias L.: Eine Therapie ist nach einer psychischen Diagnose eine Möglichkeit, diese Sachen aufzuarbeiten. Langsam in die Vergangenheit zurückzureisen, um diese Sachen nicht auf ewig in sich selbst zu verschließen.
Netzfeuilleton: Wann wandten Sie sich zum ersten Mal an eine professionelle Stelle?
Tobias L.: Das war mit 17. Davor war das Thema nie aus mir herausgekommen.
Netzfeuilleton: Sie schwiegen also die ganze Zeit?
Tobias L.: Ich hatte damals, als es passierte, nicht geschafft es jemandem zu sagen. Erst als ich älter wurde, wollte ich damit umgehen lernen.
Netzfeuilleton: Wie kam es zu diesem Schluss?
Tobias L.: Als es passierte – ich war ungefähr 5 oder 6 – verstand ich nicht wirklich, was es war. Mein Vater sagte, dass Jungs das so machen. Ich weinte, weil es weh tat und weil ich es nicht wollte. Ich fühlte mich eklig. Widerte mich vor mir sich. Aber er schaffte es, mir so eine Angst einzujagen. Ich konnte es niemandem sagen. Auch weil ich das Gefühl hatte, dass es so viele wussten. Er filmte es ja auch manchmal. Er machte Fotos und sowas machten wir eigentlich immer an feierlichen Tagen. Ich assoziierte Fotos und Kamera immer mit Ereignissen, die zu feiern wären. Wenn das falsch gewesen wäre, dachte ich, hätten Verwandte dann ja reagieren müssen.
Netzfeuilleton: Wissen Sie, was mit diesem Filmmaterial geschah?
Tobias L.: Er schaute es sich manchmal nachts an. Das bekam ich am Rande mit, aber ich weiß nicht, ob das noch jemand sah.
Netzfeuilleton: Wann verstanden Sie, was da geschah?
Tobias L.: Als ich älter wurde und die Aufklärung langsam losging Aber da war das auch alles schon vorbei. Als Sex langsam ein Thema wurde, kapierte ich erst richtig, was das war. Was passiert war.
Netzfeuilleton: Wie war die nachfolgende Zeit?
Tobias L.: Ich zog mich weiter in mich zurück. Schrieb schlechte Noten. Meine Mutter wusste nicht, was sie machen sollte. Schließlich wurde ich auf ein Heim geschickt.
Netzfeuilleton: Wusste Sie davon?
Tobias L.: Ich weiß es nicht. Als mein Vater starb, musste ich bei ihr einziehen. Zwar hatte das dann ein Ende, aber ich konnte ja nicht darüber reden.
Netzfeuilleton: Als sie langsam verstanden, was vorgefallen war, hätten Sie dann nicht etwas sagen können?
Tobias L.: Nein. Ich konnte nicht, es ist schwer, sich auszudrücken. Es ist schwer, Dinge auszusprechen, die tief drinnen sind.
Netzfeuilleton: Was hätte Ihnen damals geholfen?
Tobias L.: Meine Mutter hätte mich nicht wegschicken dürfen.
Netzfeuilleton: Wie stehen Sie heute zu Ihrer Mutter?
Tobias L.: Das Verhältnis ist nicht gut.
Netzfeuilleton: Wie darf man sich Ihre Reaktion auf den Tod ihres Vaters vorstellen?
Tobias L.: Das klingt jetzt komisch, aber ich weinte. Ich war traurig. Es ist das passiert, ja, es war schrecklich. Aber wir hatten ja auch schöne Zeiten. Er war mein Vater, ich liebte ihn. Er war ein toller Mensch, wenn man so will.
Netzfeuilleton: Ist diese doch enge und vielleicht auch sonst gute Beziehung auch ein Grund dafür, dass man das nicht einfach so aussprechen kann?
Tobias L.: Ja, noch heute fühle ich mich teilweise wie ein Verräter.
Netzfeuilleton: Woher kommt dieser Gedanke?
Tobias L.: Ich kann nach langer Therapie jetzt deutlich sagen, dass ich das nicht verdient habe. Dass er sich falsch verhielt. Anfangs ist das anders. Man ist als kleines Kind mit diesem Schicksal alleine, niemand hilft einem. Man kommt nicht damit klar, dass es passiert ist, wenn man es wirklich realisiert und so fühlt man sich schuldig. Als sei man zu nichts besserem gut. Wieso wäre es sonst passiert? Solche Fragen.
Netzfeuilleton: Ist es für Sie überhaupt möglich, eine normale partnerschaftliche Beziehung zu führen?
Tobias L.: Da gehört eine Menge Vertrauen dazu. Es gibt schwierige Momente, sehr sensible. Da braucht man den richtigen Partner, der sich darauf einstellen kann. Es ist schwierig, aber ich bin auch vergeben und fühle mich da auch geborgen und verstanden.
Netzfeuilleton: Falls man auf der Ebene fragen darf: Wie ist das mit Sex?
Tobias L.: Es kostete mich Überwindung und es begann auch erst nach einer langen Zeit, in der wir schon glücklich zusammen waren. Es ist schwer dieses Ekelgefühl zu verbannen. Es kommt immer wieder. Damit auch Erinnerungen, dann gibt es auch Flashbacks.
Netzfeuilleton: Wie würden Sie einen Flashback beschreiben?
Tobias L.: Es ist eine Erinnerung, manchmal nur eine Erinnerung. Manchmal wirkliche Bilder, dann spielt sich alles wie ein Film ab oder es ist so stark, dass ich nicht mehr in der Realität bin.
Netzfeuilleton: Gibt es Auslöser dafür?
Tobias L.: Ja, aber oft kommen sie von selbst. Aber manchmal sind es auch bestimmte Sachen, wie beispielsweise ein Bild, ein Text, eine Kamera.
Netzfeuilleton: Wie fühlt es sich an, hier darüber zu sprechen?
Tobias L.: Es ist nicht einfach. Aber ich will, dass mehr Menschen davon erfahren, auch wissen, wie das ist. Dass man nicht zu sehen darf.
Netzfeuilleton: Was raten Sie Menschen, die es sehen?
Tobias L.: Handeln. Sofort zur Polizei, man rettet damit ein Leben. Nicht zu sehen, nicht die Augen versperren, nicht so tun, als sei nichts gewesen. Nicht so tun, als sei das nicht von Interesse.
Netzfeuilleton: Was raten Sie Opfern?
Tobias L.: Sie sollen sich an jemanden wenden. Es aussprechen. Es nicht weiter in sich hineinfressen.
Netzfeuilleton: Sie studieren Jura. Hätten Sie sich einen Prozess gewünscht?
Tobias L.: Das weiß ich nicht. Ich habe oft darüber nachgedacht. Aber es ist nicht mehr möglich. Außerdem ist das mein Vater. Ich weiß es nicht.
Netzfeuilleton: Was möchten Sie als Schlusswort zum Thema Kindesmissbrauch und dieser Debatte festhalten?
Tobias L.: Hört auf die Augen zu verschließen und meldet sowas. Bietet Therapien an, meinetwegen auch für die Täter, aber unbedingt für die Opfer. Hört auf das Thema zu tabuisieren. Hört auf es mit Pseudomaßnahmen zu rechtfertigen. Hört auf zu sperren und fangt endlich an, zu löschen.
Netzfeuilleton: Vielen Dank für das sehr intensive und intime Gespräch, Herr L..
Den 1. Teil des Interviews lesen.
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Foto: Flickr unter CC von striatic.
*Name von uns geändert.








