Ein Missbrauchsopfer spricht – Teil 1

Posted on 01 Juni 2009 by Pell

Tobias L.* wurde in seiner Kindheit regelmäßig vom eigenen Vater sexuell missbraucht und auch dabei gefilmt. Heute versucht der 22-jährige Informatik- und Jurastudent mithilfe einer Therapie mit seiner Vergangenheit umzugehen. Als Opfer spricht er im ersten Teil des Interviews über die Maßnahmen von Ursula von der Leyen.
Im zweiten Teil erzählt Tobias L. über seine Vergangenheit und die Gesellschaft.

Netzfeuilleton: Ursula von der Leyen möchte Pornographie mit Kindern aus dem Netz verbannen. Der lang ersehnte Erfolg für Opfer wie sie?

Tobias L.: Wenn Sie den Inhalt wirklich verbannen würde, hätte ich ihr die Füße geküsst. Alles was sie macht, ist die Tür zuzusperren und den Konsumenten zu verdeutlichen, dass sie den offenen Hintereingang benutzen sollen.

Netzfeuilleton: Ein Hintereingang, den nur 20% der Konsumenten kennen, wie die Familienministerin immer wieder betont.

Tobias L.: Mittlerweile sollte auch sie verstanden haben, dass eine solche Umgehung wirklich ein Kinderspiel ist. Man kann ja sagen, okay ein paar verschreckt es, ein paar sehen, dass es illegal ist und verlassen die Seite sofort wieder, aber der Rest kommt eh wieder drann.

Netzfeuilleton: Wieso hält man bei der CDU weiterhin an dieser Erfolgsquote fest?

Tobias L.: Wahrscheinlich will man das Gesicht nicht verlieren. Es ist ja auch so, dass die Debatte vor der Wahl stattfindet. Die Ausmaße waren aber auch vor fünf Jahren schlimm. Wenn alle Experten meinen, dass es wenig Sinn macht, dann ist das pure Ignoranz. Eigentlich hat noch nie eine Maßnahme gegen die Netzuser geholfen. Musik wird heute immer noch heruntergeladen, trotz DRM.

Netzfeuilleton: Sie meinen, es sei generell nicht möglich, dagegen zu handeln?

Tobias L.: Es ist wohl unmöglich, alles aus dem Internet zu entfernen, aber in dem man solchen Inhalt löscht, können auch weniger Menschen an das Material kommen. Alles andere lässt sich technisch knacken.

Netzfeuilleton: Wieso will die Politik nur sperren und nicht löschen?

Tobias L.: Das weiß ich nicht. Das Argument mit den Servern ist ja schon mal ausgefallen.

Netzfeuilleton: Tatsächlich befindet sich ein Teil des Inhalts selbst auf deutschen Servern, ein anderer großer in Staaten, in denen eine ähnlich westliche Gesetzeslage herrscht. Wieso agiert die Regierung nicht auf diese Weise?

Tobias L.: Ich weiß es nicht. Sperren haben eine Multifunktion. Man kann alles mögliche sperren, was man nicht einfach so löschen könnte. Dokumentierte Kindesmisshandlung ist wohl nur der Vorwand.

Netzfeuilleton: Unterstellen Sie Ursula von der Leyen, die Opfer nur als Täuschung einer großspurigen Zensur zu verwenden?

Tobias L.: Ich unterstelle das nicht ihr. Ich sage aber, dass es Teile der Regierung sicher sehr attraktiv fänden, das Gesetz zu missbrauchen. Das BKA-Gesetz von Schäuble sollte auch immer erweitert werden. Wenn einige hohe Tiere nun auch eine politische Seite für alle unzugänglich machen wollen, dann wird das BKA sicher nicht dagegen sturm laufen. Dann folgt die nächste und nächste. Die Sperren in anderen Ländern beweisen das doch.

Netzfeuilleton: Was sollte die Regierung Ihrer Meinung nach tun?

Tobias L.: Sie sollte die deutschen Inhalte sofort löschen, mit den anderen Staaten in Kontakt kommen und auch dort Löschungen vornehmen. Es ist ja nicht so, dass in vielen dieser Staaten Kindesmisshandlung erlaubt wäre. Wo ist deren Problem? Mit der Energie, mit der diese ganze Debatte stumpf ignorant geführt wird, könnten sie auch mehr gegen das wirkliche Problem machen. Wenn wir Altnazis aufspüren können, dann werden wir es ja wohl noch hinkriegen, einem Serverbetreiber zu vermitteln, dass er so einen Dreck zu löschen hat.

Netzfeuilleton: Wie war ihre erste Reaktion, als sie von diesem Gesetzesentwurf hörten?

Tobias L.: Ich war sofort dafür. Aber bei näherer Betrachtung war mir klar, dass das nur ein weiterer Versuch ist, die Wähler um den Finger zu wickeln.

Netzfeuilleton: Wie fühlten Sie sich in Verbindung mit ihrer Vergangenheit?

Tobias L.: Ich fühle mich als politisches Instrument missbraucht. Ich soll ungefragt als Beispiel herhalten. Das ist so dämlich, eine Gruppe von Menschen ohne nähere Nachfrage für irgendwelche Zwecke zu verwenden, ohne deren Interessen zu vertreten, geschweige denn anzuhören.

Netzfeuilleton: Was könnte die Regierung richtig machen, abseits von der Löschung des Inhalts?

Tobias L.: Sie sollte im Internet Möglichkeiten bereit stellen, die Polizei sofort über solche Seiten zu benachrichtigen. Wenn man auf sowas stößt, sollte es wenige Mausklicks dauern, um das an die nötigen Stellen weiterzuleiten.

Netzfeuilleton: Könnte man als Melder nicht befürchten, selbst zum Verdächtigen zu werden?

Tobias L.: User als Kriminielle zu sehen, ja das klingt ziemlich üblich.

Im 2. Teil,  erzählt Tobias L. über seine Vergangenheit und die Gesellschaft.


mehr…

Foto: Flickr unter CC von tanakawho (slowly recovering).

*Name von uns geändert.

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3 Comments For This Post

  1. @pelld Says:

    Missbrauchsopfer spricht über seine Vergangenheit und Ursula von der Leyen, erster Teil des Interviews: http://tinyurl.com/nfj3np

  2. Druganaut Says:

    Das Stoppschildverfahren ist total fürn arsch, niemand der wirklich willig ist sowas zu sehen lässt sich von so ein Hinweis aufhalten. Die Leute die sowas ins Netz stellen, oder Drehen sollten auch im vordergrund stehen.

  3. @zalamander Says:

    interview mit opfer von vergewaltigung http://tinyurl.com/nfj3np

5 Trackbacks For This Post

  1. Internetsperren 01.06.2009: Artikel und Kommentare « Wir sind das Volk Says:

    [...] netzfeuilleton.de: Ein Missbrauchsopfer spricht – Teil 1 [...]

  2. Ein Missbrauchsopfer spricht - Teil 2 | netzfeuilleton.de Says:

    [...] dem ersten Teil über die Netzsperren gegen pornographische Inhalte mit Kindern erzählt Tobias L. heute [...]

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    [...] eines der Opfer kommt zu Wort: Ein Missbrauchsopfer spricht – Teil 1, Teil [...]

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    [...] mit einem Missbrauchsopfer Teil 1 & Teil [...]

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    [...] zu der Kritik in den ganzen Blogs? Hat die Petition jemals starke Erwähnung gefunden? Wer las all die Mühen, bis auf die Schaffenden [...]

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