Sie sind ein Spießer

February 16th, 20094:06 am @

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Sie sind ein Spießer

Finden Sie das erotisch? Nein? Dann sind sind Sie prüde, konservativ und langweilig. Ein dummer Monogam, widerlicher Spießer, Sie.

Wenn ich mich manchmal aufregen möchte, weil der Tag vielleicht zu gut oder absolut negativ verlief, kaufe ich mir die Zeit Campus oder eine Ausgabe der NEON. Beide Zeitschriften halten sich für Magazine der neuen Jugendelite und versuchen ein modernes Bild der prägsamen jungen Erwachsenen zu unterbreiten. Sie werden von ihren Lesern als intelligent und ausführlich bezeichnet und stellen mit stilistischen Merkmalen und minimalen Linien ein Zeichen der heutigen Bewegung dar. Dabei versuchen sie den Zeitgeist des knorken Nachwuchses zu treffen und aufklärerisch anders zu wirken.

Allein das Layout dieser Magazine widerstrebt mir. Dieses sterile weiß und daneben Fotographien mit Köpfen, im Grunde nichtssagend, unweigerlich erinnernd an den zensierenden Selfmademagiern der Modewelt. So paradox, wenn man sich an die ganzen wilden Vorstellungen hält, die diese Zeitschriften einem so vor dem Kopf stoßen. Hat man eine Ausgabe gelesen, so wird man einige Male mit verschiedenen Vorwürfen konfrontiert. Man ist konservativ, weil man Polygamie ablehnt, elendiger Perfektionist, weil man nicht raucht (die NEON ist schlimmer als jeder Cowboy mit Zigarette im Mund. Hier haben die Lucky Strike Lobbyisten die Kippen schön verteilt um die angebliche Freiheit bei der Industrieversklavung durch Tabakkonzerne wieder auferstehen zu lassen. Alles scheint sich zu wiederholen.) und dumm, weil .. naja man ist einfach dumm, warscheinlich weil man sich den ganzen Kram angetan hat.

Ein geringes Maß an Niveau kann man auch NEON und Zeit Campus zu trauen. Erstere veröffentlichte im neuen Exemplar (3/09) den Artikel “Wie wichtig ist Sex?”. Kaum zu glauben, dass es nicht das Toptitelthema war, aber das gab man dann doch lieber dem beruflichen Ehrgeiz. Es unterscheidet nicht die Idee dahinter, denn auch hier heißt es in einer Form “Sex sells” und zwar unheimlich witzig, wenn man denkt, dass der Bericht den Menschen vorwirft nicht genug miteinander zu schlafen, aber sich mit medialem Sex die Birne voll zu machen. NEON weiß nämlich als einzige Quelle dieser Welt wie oft Menschen Sex brauchen und stellt klar fest, dass es so nicht weiter gehen kann. Ein riesiger Skandal. Wir können unheimlich froh sein, dass sich die Neon-Redaktion erbarmt hat, uns in diese Geschichte einzuweihen. Gut das wir endlich wissen, was unser Problem ist.

Als Anfangstheorie wird Madonna herangezogen. Sie sei erotisch und sinnlich, habe aber eine Schraube locker, weil sie sich vegetarisch ernähre und zu wenig Sex mit ihrem Ex-Mann Guy Richie gehabt habe (NEON hat nachgezählt). Denn NEON weiß und will uns wissen lassen, dass Geschlechtsverkehr zum normalen Leben dazu gehört. Verhaltensforscher aller Welt werden dies sicher zu bestätigen wissen und bis hierhin mag man dem pseudokreativen Geschöpf der Geburt von Sternredakteuren noch beipflichten, aber die Worte sind noch nicht zu Ende gesprochen. Im weiteren Verlauf werden Kalendersprüche wie “Wer sich nicht viel vom Leben erwartet, wird auch nicht viel erreichen” in eine sex-ädequate Form adaptiert, dass dann heißt “Wer sich nicht viel vom Sex erwartet, wird auch nicht viel bekommen”. Das Prinzip gilt übrigens auch beim Nasebohren, in Wühltischen und bei einer Fahrt nach Mekka.

Die glorreichen Argumentationen folgen. So zitiert man den Kulturwissenschaftler Robert Pfaller mit den Worten: “Wir lassen uns das Rauchen verbieten, trinken Bier ohne Alkohol, essen Käse ohne Fett und können uns Sexualität maximal im geschützten Raum der monogamen Beziehung vorstellen. Aber da auch dann bitte nicht zu wild.” Ein lustiger Kerl dieser Robert, wirft er uns also ein psychisch ungesundes Leben vor und begründet es damit, dass wir uns den physischen Krankheitsquellen entziehen? Außerdem sei unsere Vorstellung von Sex unheimlich gekränkt, weil wir nicht gerne den Partner wechseln und selbst dann nicht über das Ikeabett hinausgehen? An was erinnert mich das gleich noch? Achja Dr. Sommer-Botschafterin Charlotte Roche, die ja den Feminismus revolutionierte, in dem sie Frauen als das darstellte, was am Machomann kritisiert wurde.

Ob jemand täglich mit verschiedenen Menschen schläft oder seinen Partner seit Jahren verwöhnt oder ganz darauf verzichtet, ist doch eine Frage der Individualität. Also das, was Zeit Campus und NEON doch mit dem ganzen Versuch Studenten als kreative Denkelite darzustellen, ständig von den neuen Abiturienten fordert. Doch eine riesige Gruppe an Menschen zu pauschalisieren und dann mit 68er-Begründungen der freien Liebe zu agieren, bringt den psychologischen Charakter eines Magazins, das ja so gerne für Andersartigkeit stehen möchte, nicht gerade weiter. Es zeigt nur, dass auch hier Auflagen verstärkt werden müssen und Scheinprovokation erzeugt werden soll. Nicht anders als der Nietengürtel an 14-Jährigen Bravoleserinnen, die nach der Hannah Montana-Zeit langsam zum Punk konvertieren, ist die große Lifestylemaskarade nämlich.

Bild: Neon.de

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