Finden Sie das erotisch? Nein? Dann sind sind Sie prüde, konservativ und langweilig. Ein dummer Monogam, widerlicher Spießer, Sie.

Wenn ich mich manchmal aufregen möchte, weil der Tag vielleicht zu gut oder absolut negativ verlief, kaufe ich mir die Zeit Campus oder eine Ausgabe der NEON. Beide Zeitschriften halten sich für Magazine der neuen Jugendelite und versuchen ein modernes Bild der prägsamen jungen Erwachsenen zu unterbreiten. Sie werden von ihren Lesern als intelligent und ausführlich bezeichnet und stellen mit stilistischen Merkmalen und minimalen Linien ein Zeichen der heutigen Bewegung dar. Dabei versuchen sie den Zeitgeist des knorken Nachwuchses zu treffen und aufklärerisch anders zu wirken.
Allein das Layout dieser Magazine widerstrebt mir. Dieses sterile weiß und daneben Fotographien mit Köpfen, im Grunde nichtssagend, unweigerlich erinnernd an den zensierenden Selfmademagiern der Modewelt. So paradox, wenn man sich an die ganzen wilden Vorstellungen hält, die diese Zeitschriften einem so vor dem Kopf stoßen. Hat man eine Ausgabe gelesen, so wird man einige Male mit verschiedenen Vorwürfen konfrontiert. Man ist konservativ, weil man Polygamie ablehnt, elendiger Perfektionist, weil man nicht raucht (die NEON ist schlimmer als jeder Cowboy mit Zigarette im Mund. Hier haben die Lucky Strike Lobbyisten die Kippen schön verteilt um die angebliche Freiheit bei der Industrieversklavung durch Tabakkonzerne wieder auferstehen zu lassen. Alles scheint sich zu wiederholen.) und dumm, weil .. naja man ist einfach dumm, warscheinlich weil man sich den ganzen Kram angetan hat.
Ein geringes Maß an Niveau kann man auch NEON und Zeit Campus zu trauen. Erstere veröffentlichte im neuen Exemplar (3/09) den Artikel “Wie wichtig ist Sex?”. Kaum zu glauben, dass es nicht das Toptitelthema war, aber das gab man dann doch lieber dem beruflichen Ehrgeiz. Es unterscheidet nicht die Idee dahinter, denn auch hier heißt es in einer Form “Sex sells” und zwar unheimlich witzig, wenn man denkt, dass der Bericht den Menschen vorwirft nicht genug miteinander zu schlafen, aber sich mit medialem Sex die Birne voll zu machen. NEON weiß nämlich als einzige Quelle dieser Welt wie oft Menschen Sex brauchen und stellt klar fest, dass es so nicht weiter gehen kann. Ein riesiger Skandal. Wir können unheimlich froh sein, dass sich die Neon-Redaktion erbarmt hat, uns in diese Geschichte einzuweihen. Gut das wir endlich wissen, was unser Problem ist.
Als Anfangstheorie wird Madonna herangezogen. Sie sei erotisch und sinnlich, habe aber eine Schraube locker, weil sie sich vegetarisch ernähre und zu wenig Sex mit ihrem Ex-Mann Guy Richie gehabt habe (NEON hat nachgezählt). Denn NEON weiß und will uns wissen lassen, dass Geschlechtsverkehr zum normalen Leben dazu gehört. Verhaltensforscher aller Welt werden dies sicher zu bestätigen wissen und bis hierhin mag man dem pseudokreativen Geschöpf der Geburt von Sternredakteuren noch beipflichten, aber die Worte sind noch nicht zu Ende gesprochen. Im weiteren Verlauf werden Kalendersprüche wie “Wer sich nicht viel vom Leben erwartet, wird auch nicht viel erreichen” in eine sex-ädequate Form adaptiert, dass dann heißt “Wer sich nicht viel vom Sex erwartet, wird auch nicht viel bekommen”. Das Prinzip gilt übrigens auch beim Nasebohren, in Wühltischen und bei einer Fahrt nach Mekka.
Die glorreichen Argumentationen folgen. So zitiert man den Kulturwissenschaftler Robert Pfaller mit den Worten: “Wir lassen uns das Rauchen verbieten, trinken Bier ohne Alkohol, essen Käse ohne Fett und können uns Sexualität maximal im geschützten Raum der monogamen Beziehung vorstellen. Aber da auch dann bitte nicht zu wild.” Ein lustiger Kerl dieser Robert, wirft er uns also ein psychisch ungesundes Leben vor und begründet es damit, dass wir uns den physischen Krankheitsquellen entziehen? Außerdem sei unsere Vorstellung von Sex unheimlich gekränkt, weil wir nicht gerne den Partner wechseln und selbst dann nicht über das Ikeabett hinausgehen? An was erinnert mich das gleich noch? Achja Dr. Sommer-Botschafterin Charlotte Roche, die ja den Feminismus revolutionierte, in dem sie Frauen als das darstellte, was am Machomann kritisiert wurde.
Ob jemand täglich mit verschiedenen Menschen schläft oder seinen Partner seit Jahren verwöhnt oder ganz darauf verzichtet, ist doch eine Frage der Individualität. Also das, was Zeit Campus und NEON doch mit dem ganzen Versuch Studenten als kreative Denkelite darzustellen, ständig von den neuen Abiturienten fordert. Doch eine riesige Gruppe an Menschen zu pauschalisieren und dann mit 68er-Begründungen der freien Liebe zu agieren, bringt den psychologischen Charakter eines Magazins, das ja so gerne für Andersartigkeit stehen möchte, nicht gerade weiter. Es zeigt nur, dass auch hier Auflagen verstärkt werden müssen und Scheinprovokation erzeugt werden soll. Nicht anders als der Nietengürtel an 14-Jährigen Bravoleserinnen, die nach der Hannah Montana-Zeit langsam zum Punk konvertieren, ist die große Lifestylemaskarade nämlich.
Bild: Neon.de
Danke, für jeden Klick & Kommentar:
Tweet




Kathy
2 Jahren veröffentlicht
Ohje, was ist das denn für ein Artikel? Ärgert es da etwa jemanden das die NEON so gut bei der etwas mehr mitdenkenden Jugendschicht ankommt? Die NEON hebt sich lediglich hervor, sie zeigt klare Grenzen auf zwischen den jungen Erwachsenen, welche sich bilden möchten und was im Kopf haben und denjenigen welche nichtmal wissen wie “Bildung” geschrieben wird, geschweige denn das sie es interessiert.
Es ist doch grade gut das sich ein Magazin dafür einsetzt jungen Menschen das Interesse am Allgemeinen wieder schmackhaft zu machen und Bunte Blättchen wie Bravo oder Yam außen vor zu lassen. Hier zählt mal nicht was Paris Hilton am Wochenende anhatte oder ob Tom Cruise wieder irgendetwas total sinnfreies getan hat. Es geht lediglich um Bildung welche uns zu gute kommt im Alltag. Allgemeine Informationen aus Wirtschaft, Sozialem und Gefühlswelt regen uns mal wieder zum selber denken an, statt uns unsere Meinung diktieren zu wollen.
Clementine
2 Jahren veröffentlicht
Der Artikel beschreibt genau das, worüber ich mich früher aufgeregt habe, was ich mittlerweile aber als gegeben hinnehme: Die Tatsache, dass Zeitschriften wie NEON die “übersexte” Medienwirklichkeit unserer Zeit glorios wiederspiegeln, jedoch allzeit artig darauf beharren, dass sie ja eindeutig sehr intellektuell und der “Bildung” (wie Kathy meint) zugetan sind. Das besonders Tolle daran ist, dass sich NEON & Co. darin – meiner Meinung nach – wirklich nicht sehr von langweiligen Hochglanz-Frauenmagazinen oder der BRAVO unterscheiden.
Pell
2 Jahren veröffentlicht
@Kathy: Ohje, da hat jemand etwas missverstanden: Bildung ist eine sehr relative Sache und durch diese Aufspaltung der “Bildungsgruppe” und jener Gruppe, die – wie du meinst – nicht einmal wisse wie das Wort zu schreiben sei, bringen wir niemanden weiter. Das ist doch ein Plädoyer an die scheinbaren “besseren Menschen”. Die nächste Generation an Akademikern. Die Auffassung, dass die Zielgruppe von NEON “etwas mehr mitdenkt”, will ich nicht beurteilen, denn dann würde ich pauschalisieren und das ist das, was ich den beiden Zeitschriften vorwerfe.
Wo wir aber schon bei dem informativen Punkt sind – und du sprichst hier von der Andersartigkeit, eben nicht Paris Hilton und Tom Cruise, so möchte ich darauf hinweisen, dass ich einem Magazin, das Intellekt verkörpern möchte, nicht viel abkaufe, wenn es zunehmend psychologische und sozialbezogene Artikel auf Mario Barth-Niveau abliefert. Angefangen bei “Wieso duscht die Frau nur zu Hause” und “Amerikanische Forscher haben dies und jenes herausgefunden”. Man mag den ernüchternden YAM- und Bravoleser damit auf eine neue Stufe stellen, aber ich sehe da in Wirklichkeit keinen Unterschied zu Dr. Sommer Seiten und den Beziehungstipps in dubiosen Frauenmagazinen. Ich stelle es auf die selbe Stufe.
Und bitte, das Magazin “setzt” sich mit Sicherheit nicht dafür ein, dass jungen Menschen mehr Interesse für “das Allgemeine” geboten wird. Davon abgesehen, sind diese Denkanregungen die du ansprichst wohl auf irgendwelchen Seiten, die ich noch nicht gefunden habe. Was ich in den Ausgaben stetig lesen kann, ist eine Form von Information, die dieser Scheinelite das gibt, was sie fressen möchte. Aber die großen philosophischen Wunder des allgemeinen Alltags müsstest du mir bitte noch nennen.
Davon abgesehen, meine ich das Gegenteil dessen, was du sagst: Die Menschen sollen keine Bravo lesen. Aber NEON ist nichts weiter als die Bravo für Leute, die nicht mehr in dem Alter sind. Eine angebliche Pflichtlektüre, die versucht einer Generation den Weg zu deuten. Ich kann mich da einfach nicht einordnen, ohne ständig den Kopf schütteln zu müssen. Ohje.
m
2 Jahren veröffentlicht
solche zeitschriften sind doch die Bild der “gebildeten” Gesellschaftsschicht, Käseblätter…
Tobi
2 Jahren veröffentlicht
Also ich muss sagen, dass mir dieser Artikel in der NEON ausgesprochen gut gefallen hat. Ich habe keine Ahnung, in welche Generation Pell zu zählen ist, aber auf die meine treffen diese Aussagen im Artikel (leider) sehr gut. Und Robert Pfaller indirekt als Idioten hinzustellen? Oh, da hätte man sich vielleicht vorher mal über diesen Kerl ein bischen Informieren sollen. Alles in allem drängt sich mir bei Pell leider das Bild eines einsamen, verklemmten Zeitgenossens auf, der offensichtlich ein Problem mit Vertretern der “Bildungselite” hat und dies in einer leider nicht weit von BILD-Niveau entfernten Art und Weise darlegt…
pell
2 Jahren veröffentlicht
Ich bin 1820 vor Christus geboren. Als ob ich einer alten Generation angehören müsste, um NEONs Prinzipien nicht zu mögen. Ich denke, dass ich meine Aussagen begründet habe und an der Subjektivität des Artikels zweifelt ja auch niemand. Es liegt jetzt also an deinem Ermessen es polarisierend, altmodisch oder dumm zu finden. Wenn du mich kritisieren möchtest, was ja völlig in Ordnung ist, wäre es aber mehr als fein kurz anzusprechen, was du anders siehst und mir nicht das BILD-Niveau anzuhängen. Dieses findet sich in deinem Kommentar nämlich auch in erstaunlich großer Form wieder.
Ich kritisiere Pfällers Zitat. Seine Publikationen kenne ich nicht, also erlaube ich mir auch kein Urteil über diese. Vielleicht solltest du dir den Absatz und meine Infragestellung dessen noch einmal durchlesen.
Ich kenne keine Bildungselite. Ich kritisiere die, die meinen es zu sein.
@Sheephunter
2 Jahren veröffentlicht
@commanderurin Gute Idee. Vll. ist dafür auch weiter Platz beim netzfeuilleton, @Pelld startete ja schon das NeonBashing http://is.gd/k7Se
NEONs Entgleisung | netzfeuilleton.de
2 Jahren veröffentlicht
[...] hier im netzfeuilleton bereits Pell die NEON kritisierte, muss ich das nun auch tun. In der aktuellen Ausgabe (16. März 2009), ist ein Artikel [...]
Ossiostborn
2 Jahren veröffentlicht
Der Kommentar spricht mir aus der Seele. Auch das Argument mit dem Spielregeln, die “Hyperindividualisten” anscheinend verletzen, das also bestimmte Grundregeln, Motive, Rollen eingenommen werden müssten, gilt auch nur solange, wie diese Rollenbilder aktiv gespielt werden. Das ist ein Zirkelschluss, ein gefährlicher noch dazu, da er ja gerade dazu führt, das bereits bestehende Muster über die eigenen Gefühle gestellt werden.
Gleichzeitig gilt Asexualität anscheinend schon fast als Leistungsverweigerung. Die Neon als Sprachrohr der Yuppies von morgen, der Pali unter den Magazinen. Na vielen Dank auch.
P.S.: Das gilt glücklicherweise nicht für alle Artikel, aber gerade dieser Artikel könnte symptomatisch für eine ganze Menge in der Neon stehen.